16.09.2015

Ringier

«Reaktionen sind Beweis, dass wir etwas Hochinteressantes planen»

Ringier ist in aller Munde: zuerst die Werbeallianz mit der SRG und der Swisscom, dann der spektakuläre Austritt aus dem Verband Schweizer Medien und zuletzt die Eröffnung des renovierten Pressehauses im Zürcher Seefeld. Erstmals sprechen VR-Präsident Michael Ringier und CEO Marc Walder in einem Doppelinterview über die hektischen Tage.
Ringier: «Reaktionen sind Beweis, dass wir etwas Hochinteressantes planen»
Ringier-CEO Marc Walder (links) und Verleger Michael Ringier. (Bild: Alberto Venzago)

Herr Walder, Ringier ist mit grossem Getöse aus dem Verband Schweizer Medien ausgetreten. Wie fest isolieren Sie sich dadurch?
Marc Walder: Dieser Austritt hat zwei Gründe: Erstens setzt sich der Verband für ein Werbeverbot für die SRG ein, was Ringier niemals unterschreiben könnte. Wir finden ein solch striktes Werbeverbot für die SRG falsch. Weder die Politik noch die Wirtschaft, noch die Bevölkerung würde diese Radikalforderung verstehen. Zweitens empfand ich die Art und Weise der Debatte – sagen wir – nicht adäquat, eher unhöflich.

Sie meinen Herrn Supino.
Marc Walder: Was in einer solchen Sitzung geschieht, sollte intern bleiben. Aber es ist bekannt, dass der Vizepräsident bezüglich SRG eine sehr, sagen wir, konsequente Linie fährt. Was übrigens sein gutes Recht ist. Ein Austritt von Ringier ist vor diesen Hintergründen aber nichts als konsequent.

Die anderen Präsidiumsmitglieder werfen Ihnen jetzt aber vor, dass Sie vorher auch für dieses Werbeverbot plädiert hätten und ihnen jetzt mit der geplanten Vermarktungsfirma mit der SRG und der Swisscom in den Rücken fallen würden.
Marc Walder: Ringier vertritt seit jeher die Position für ein Onlinewerbeverbot. Nicht aber für ein totales Verbot von Werbung für die SRG. Ich habe an besagter Klausurtagung, welche dann leider aus dem Ruder lief, meine Kollegen gefragt, ob es denn einen Präsidiumsbeschluss des Verbandes Schweizer Medien gebe, der ein Werbeverbot für die SRG fordere. Dazu gab es keine Antwort. Das Einzige, was vorliege, sei ein Positionspapier. Zwei Tage später teilte mir die Direktorin in einem Mail mit, dass umgehend eine Medienmitteilung gemacht werde. Mit dem langjährigen und stets korrekten und engagierten Mitglied Ringier wurde diese nicht einmal abgestimmt. Das empfanden Michael Ringier und ich als nicht korrekt. Daraufhin habe ich den Präsidenten angerufen. Ich teilte ihm mit, dass wir umgehend zurücktreten würden, was wir bedauern würden. Der Präsident versuchte bis zuletzt, die Risse zu kitten, was wir wiederum sehr schätzen.

Ist der Austritt von Ringier aus dem Verlegerverband jetzt unwiderruflich?
Marc Walder: Wir fällen keine Entscheide, um diese drei Tage später zu widerrufen.

Herr Ringier, Sie sind doch schon sehr lange im Mediengeschäft. Können Sie die Widerstände innerhalb des Verbandes verstehen?
Michael Ringier: Selbstverständlich. Für mich ist es völlig logisch, dass andere Verleger unsere Initiative problematisch finden. Ehrlich gesagt, kann ich ich deren Bedenken sogar nachvollziehen. So weit die Fakten. Die andere Seite ist aber die Art und Weise, wie diese Auseinandersetzung abgelaufen ist. Ich habe kürzlich den Film "Der Kindergarten-Cop" gesehen. Höchstwahrscheinlich hat das Präsidium des Verbandes Schweizer Medien dieses Drehbuch damals gelesen oder sogar daran mitgearbeitet (lacht).

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen Marc Walder telefonisch mitgeteilt hat, dass er vor der Türe des Verbandssekretariats warten musste?
Michael Ringier: Als mir Marc mitteilte, dass er erneut rausgeschickt worden sei, war dies für mich der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Also wirklich, so geht man nicht mit Mitbewerbern um. Ich sagte zu Marc: "Jetzt reicht es. Das musst du dir nicht bieten lassen." Vielleicht schenken wir dem Präsidium zum Abschied noch eine Märklin-Eisenbahn.

Aber haben Sie mit diesen heftigen Reaktionen der andern Verleger gerechnet?
Michael Ringier: Für mich ist dies der Beweis, dass wir etwas Hochinteressantes planen. Wäre es unwichtig, gäbe es auch keine Reaktionen.

Welche Reaktionen haben Sie, abgesehen von den Verlegern, bekommen?
Marc Walder: Die politischen Reaktionen auf unseren Vorschlag waren durchwegs positiv. Ich habe von keinem politischen Schwergewicht gehört, welches sich gegen unser Projekt gestellt hätte. Die Journalisten der andern Verlagshäuser mussten alle Politiker abklappern, um aus ihnen etwas Negatives herauszulocken. Andererseits bin ich vollkommen überzeugt, dass sich die verbandspolitische Situation in den nächsten Jahren ändern wird.

Können andere Verlage auch Aktionäre werden?
Marc Walder: Momentan ist dies ausgeschlossen, da es während des Weko-Verfahhrens keinen Sinn macht, das Aktionariat zu verändern. Für andere Unternehmen ist es auch nicht entscheidend, ob sie Aktionäre sind oder nicht, viel wichtiger ist es doch, ob sich dadurch ihre Vermarktungsmöglichkeiten endlich verbessern.

Konkret: Haben Sie bereits Anfragen von andern Verlagshäusern bekommen?
Marc Walder: Selbstverständlich. Alles andere wäre ja fahrlässig. Stellen Sie sich einmal vor: Da entsteht etwas Zukunftsweisendes, das sollte man sich schon anschauen. Deshalb will man wissen, wie diese Firma funktionieren wird und welche neuen Chancen sich dadurch eröffnen.

Herr Ringier, wenn man Herrn Walder zuhört, bekommt man den Eindruck, dass die ganze Idee aus Ihrer Küche stammt?
Michael Ringier: (Lacht.) Auf den Satz "Es isch mini Idee gsi" habe ich kein Copyright. Nein, Ringier erhebt nicht den Anspruch, Vater dieses Projektes zu sein. Es stammt vielmehr aus dem Umfeld von Marc. Irgendwann kam er in den Verwaltungsrat und hat uns von den Vorzügen eines Joint Ventures mit der SRG und der Swisscom überzeugt.
Marc Walder: Ringier war stets ein innovatives Unternehmen. Die grosse Transformation ins Digitalgeschäft, die Öffnung nach Osteuropa, nach Asien und zuletzt Afrika wäre ohne die Zustimmung und den unternehmerischen Mut von Michael Ringier und seinen beiden Schwestern nicht möglich gewesen. Dies wissen auch die SRG und die Swisscom und schätzen Ringier dafür. Man übersieht gerne, dass von dreissig grossen und mittleren europäischen Medienhäusern vielleicht nur sechs, sieben die Transformation geschafft haben dürften. Das Risiko des Scheiterns ist doch für Ringier als privates Unternehmen viel grösser als dasjenige für die SRG und die Swisscom als staatsnahe Betriebe.

Hatten Sie nie schlaflose Nächte wegen Ihrer Firma, Herr Ringier?
Michael Ringier: Nein, glücklicherweise bin ich mit einem guten Schlaf gesegnet. Wegen der Firma hatte ich noch nie schlaflose Nächte. Wenn mir etwas an die Nieren geht, ist es die Familie und nicht das Unternehmen.

Erleben Sie Ihren Chef auch so abgeklärt?
Marc Walder: Michael hat eine sehr weise, unaufgeregte und grossräumig denkende Art, wie er an Probleme herangeht.
Michael Ringier: (Lacht.) Das kannst du im Nachruf schreiben.

Wie finden die Absprachen zwischen dem Verwaltungsratspräsidenten und dem CEO statt?
Michael Ringier: In der Regel war das Verhältnis zwischen dem CEO, der Familie und dem Verwaltungsrat immer sehr gut. Aber die Beziehung zwischen Marc und mir ist sicher einmalig und lässt sich nur schwer auf andere Konstellationen übertragen. Dies kommt auch aus unserer gemeinsamen Geschichte.

Stichwort Tennis?
Michael Ringier: Tennis ist sicher der Ausgangspunkt unseres Verhältnisses. Beim Tennis lernt man einen Menschen kennen. Ich behaupte, dass beim Spielstand vier zu vier im dritten Satz der Mensch nur noch ist, was er wirklich ist. Die Qualitäten von Marc habe ich schon früh erkannt. Hätte man mir aber vor 25 Jahren eine Wette angeboten und prophezeit, dass Marc einmal Ringier-CEO würde, hätte ich sehr viel Geld verloren. Dieser Schritt war keineswegs strategisch geplant. Aber er entspricht meiner Lebensphilosophie: Meist macht man etwas, woraus sich etwas völlig anderes entwickelt. Doch es ist wohl die Hauptsache, dass sich überhaupt etwas entwickelt.

Sie waren zusammen auch Tennisweltmeister der Journalisten...
Michael Ringier: Ja, das war ein Highlight in unserer Beziehung. Marc war zusätzlich Einzelweltmeister. Dass er im Halbfinal gegen mich gewonnen und mich somit rausgeworfen hat, hatte auf seinen Werdegang keine nachteiligen Konsequenzen, wie man sieht (lacht).

Wann haben Sie erkannt, dass die digitale Revolution so grundlegend ist?
Michael Ringier: Das war ein schleichender Prozess. Es ist keineswegs so, dass ich eines Morgens Marc angerufen hätte, um ihm mitzuteilen, dass wir nun vollständig auf das Digitale setzen würden. Als ich erstmals am WEF in Davos hörte, dass das Internet die Welt auf den Kopf stellen würde, hatte ich meine Zweifel. Damit lag ich richtig und auch falsch. Falsch, weil das Internet die Welt wirklich veränderte. Richtig, weil die ganze Veränderung doch nicht so schnell kam wie prophezeit und man nicht gleich alles auf den Kopf stellen musste. Das Timing ist bei diesem Umbruch das Schwierigste. Hätten wir die ganze Transformation sofort eingeleitet, gäbe es Ringier heute nicht mehr. Anfänglich waren wir auch sehr defensiv. Doch irgendwann erkannten wir, dass wir nun den entscheidenden Schritt machen müssen, um in Zukunft mithalten zu können.

Themenwechsel: Herr Ringier, Sie haben vor einigen Jahren mit der Bemerkung, wonach es in Deutschland bessere Boulevard-Journalisten gebe als in der Schweiz, für Furore gesorgt. Können Sie dies heute noch unterschreiben?
Michael Ringier: Ich habe aufgehört, jede missliebige Interpretation dieses Zitates zu dementieren. Es ist eine angesehene Methode im Schweizer Journalismus, eine solche Aussage bewusst zu verdrehen. Aber ich stehe immer noch hinter diesem Zitat. Die Ausgangslage ist doch klar: Es gibt achtzig Millionen Deutsche und acht Millionen Schweizer, wobei nicht alle deutschsprachig sind. Die Grundmasse der qualifizierten Menschen ist in Deutschland folglich viel grösser als in der Schweiz.

Ist dies der Grund, warum Sie Herrn Büchner als neuen Chef der Blick-Gruppe geholt haben?
Marc Walder: Wolfgang Büchner kümmert sich darum, dass die Marke Blick auf allen Kanälen optimal arbeitet und verbreitet wird – und damit rund um die Uhr präsent ist. Wir machen also einfach die Hausaufgaben bei der Blick-Gruppe. Wie in allen anderen Ländern auch. Das grosse Interesse an Herrn Büchner beruht vor allem darauf, dass er vorher Chefredaktor des Spiegels war – und dort scheiterte.
Michael Ringier: Die Frage stellt sich, ob nicht der Spiegel gescheitert ist...
Marc Walder: Korrekt. Meine Enttäuschung ist in diesem Zusammenhang, dass es in unserem Unternehmen Mitarbeiter gibt, die jede interne Information sofort an die Medien weiterleiten. Büchner will transparent informieren, gut, oder? Und Einzelne tragen es dann sofort raus. Gerne noch etwas verdreht. Das ist absolut charakterlos. Ansonsten verläuft alles nach Plan.


Das vollständige Interview finden Sie in der aktuellen Printausgabe von "Persönlich".


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