24.03.2026

Tamedia

Spardruck als grösste Sorge von Tages-Anzeiger & Co.

Journalistische Standards werden eingehalten, die Ressourcen aber schwinden: Das Qualitätsmonitoring 2025 von Tamedia zeigt, wo die grössten Medienmarken der Schweiz stehen – und wo Experten und Redaktionen Verbesserungspotenzial sehen.

Seit zehn Jahren lässt Tamedia seine Berichterstattung von unabhängigen Experten analysieren. Für das Medienunternehmen ist journalistische Qualität kein abstrakter Anspruch. «Die Qualität unserer Medien ist die Grundlage für das Vertrauen unserer Leserinnen und Leser», wird Verleger Pietro Supino in einer Medienmitteilung zum Qualitätsmonitoring 2025 zitiert.

Am diesjährigen Monitoring wirkten erneut externe Experten, die Chefredaktionen sowie die Redaktionen selbst mit. Diese Kombination aus externer Beurteilung, kritischer Selbsteinschätzung und offenem redaktionellem Austausch macht das Monitoring zu einem zentralen Führungs- und Entwicklungsinstrument – so das Selbstverständnis von Tamedia.

Die zusammenfassende Bilanz der vier Experten fällt grundsätzlich positiv aus: Die im Handbuch «Qualität in den Medien» definierten journalistischen Standards wurden im Beobachtungszeitraum bei allen untersuchten Titeln erfüllt. Bestätigt wurden insbesondere Transparenz, Verständlichkeit, Fehlerbewusstsein, Fairness sowie die klare Trennung von redaktionellem Inhalt und Werbung.

Solides Handwerk allein reicht noch nicht

Gleichzeitig macht das Monitoring deutlich, dass handwerkliche Korrektheit allein noch keine hohe journalistische Qualität garantiert. Entscheidend sind auch Relevanz, Nähe zur Lebensrealität des Publikums, Originalität und Einordnungskraft. Genau dort setzen die Expertenberichte an – und dort werden die Lücken sichtbar.

Wirtschaftsjournalist Reto Lipp lobte die Finanz und Wirtschaft als grösste Wirtschafts- und Finanzredaktion des Landes, ortete aber Defizite bei der Vermarktung der redaktionellen Leistung. Journalist und Dozent Peter Linden bezeichnete das Magazin Schweizer Familie als «Leuchtturmprojekt», kritisierte aber wiederkehrende Porträt-Klischees und fehlende Drittstimmen. Der ehemalige RTS-Chefredaktor Bernard Rappaz sah bei 24 heures gute Ansätze, verlangte aber eine eigentliche «kulturelle Revolution» hin zu einem überregionalen Westschweizer Profil.

Der frühere BZ-Chefredaktor Michael Hug – er beurteilte gleich drei Titel – plädierte bei Tages-Anzeiger und BZ Berner Zeitung für mehr Diversität in Weltanschauung und Erfahrungshintergrund der Redaktionen. Darin liege möglicherweise ein selbstverschuldeter Anteil an der Entfremdung zwischen Publikum und traditionellen Medienmarken, mutmasste Hug. Der Basler Zeitung bescheinigte Hug eine erfrischend mutige Haltung auf dem «lebendigsten Medienplatz der Schweiz», mahnte aber, im Online-Auftritt eine Dominanz von Kulturthemen aus Zürich zu vermeiden – auch wenn die Kulturberichterstattung kein Reichweitenbringer sei, bleibe sie wichtig für Image und Reputation der Marke.

Spardruck und schwindende Ressourcen

Zu den Befunden der Experten konnten die Chefredaktionen Stellung nehmen. So sieht der Tages-Anzeiger Potenzial im Bereich der Ausgewogenheit seiner Berichterstattung. Die Berner Zeitung identifiziert Luft nach oben beim digitalen Storytelling und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz. Die Basler Zeitung erkennt Handlungsbedarf bei der Aufbereitung der Online-Beiträge. 24 heures wiederum will vielfältigere Blickwinkel und mehr Überraschungseffekte schaffen.

Sorgen bereitet allen Tageszeitungen der Spardruck und die schwindenden personellen Ressourcen. Die Finanz und Wirtschaft will die Darstellung komplexer wirtschaftlicher Zusammenhänge verbessern, die Schweizer Familie kämpft mit der fehlenden digitalen Identität und der schwierigen Erneuerung der Leserschaft.

«Article Buddy» als erster kritischer Leser

2025 erweiterte Tamedia die Qualitätssicherung erstmals um ein KI-gestütztes Instrument. Der sogenannte «Article Buddy» begleitet Journalistinnen und Journalisten bereits im Entstehungsprozess und prüft in Echtzeit journalistische Standards sowie Stil und Verständlichkeit. Wiederkehrende formale Checks sollen damit automatisiert, Redaktionen im Alltag entlastet und die Konsistenz über alle Titel hinweg gestärkt werden. (nil)


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