16.09.2025

SRF

Studio Bern verschmilzt mit Newsroom Zürich

Schweizer Radio und Fernsehen vereinheitlicht das Organigramm seiner Audio- und Digital-Redaktion. Radiosendungen wie das «Echo der Zeit» verlieren ihre Eigenständigkeit. Das Personal setzt Fragezeichen hinter den Newsroom 3.0. Die Leitung um Ursula Gabathuler und Beat Soltermann betont die Notwendigkeit dieses Schritts in die digitale Zukunft.
SRF: Studio Bern verschmilzt mit Newsroom Zürich
Ursula Gabathuler und Beat Soltermann, Co-Chefredaktion Audio/Digital SRF, bauen die Abläufe im Studio Bern um. (Bilder: Keystone & SRF/Gian Vaitl)

Wieder einmal steht das Studio Bern vom Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) vor einem Umbruch, der intern Anlass zur Sorge gibt. Im kommenden Jahr wird ein neues Betriebskonzept eingeführt (persoenlich.com berichtete). Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

«Standort Bern steht nicht zur Disposition»

Der Newsroom 3.0 ersetzt in Bern historisch gewachsene Organisationsstrukturen. «Es handelt sich aber nicht um ein Sparprogramm», sagt Beat Soltermann im Gespräch. «Und der Standort Bern steht auch nicht zur Disposition», ergänzt der Co-Chefredaktor Audio/Digital SRF.

Vor sieben Jahren verhinderte Druck von innen und aussen die vorgesehene komplette Konzentration der Radioinformation in Zürich. Die SRF-Direktion fand einen Kompromiss: Die Hintergrundsendungen «Rendez-vous», «Echo der Zeit» oder «Tagesgespräch» konnten in Bern bleiben, ebenso die Ressorts Inland, Ausland und Teile der Wirtschaft. Die Nachrichtenredaktion dagegen zog zusammen mit dem Nonstop-Newskanal SRF 4 und «Heute Morgen» nach Zürich, sie blieben aber organisatorisch Teil des Studios Bern.

Seither existieren unter dem Dach der räumlich getrennten Abteilung Audio/Digital zwei unterschiedliche Betriebsmodelle: in Zürich ein auf die digitale Mediennutzung ausgelegter Newsroom, in Bern eine Redaktion, die sich an ihren Sendungen orientiert.

Schrittweise Annäherung ab 2026

Unter dem Namen Newsroom 3.0 hat sich die Chefredaktion Audio/Digital (CRAD) unter der Co-Leitung von Beat Soltermann und Ursula Gabathuler daran gemacht, die Strukturen zu harmonisieren. Damit soll sich der Berner Teil der SRF-Abteilung Audio/Digital ab kommendem Jahr schrittweise an die Organisation des Newsrooms Zürich annähern.

Anlass zu diesem Umbau gibt das Mediennutzungsverhalten. «Die Leute erwarten von uns, dass wir zeitnah informieren. Gleichzeitig wollen sie unser Informationsangebot jederzeit nutzen können», erklärt Ursula Gabathuler die Ausgangslage für die Newsroom-Reform. Um diesen Bedürfnissen gerecht zu werden, sollen sich die Berner Redaktionen und Ressorts weniger stark an den Radiosendungen und ihren Ausstrahlungsterminen orientieren und dafür mehr für die News-App produzieren.

Als Konsequenz davon werden die bestehenden Redaktionen von «Echo der Zeit», «Rendez-vous» und «Tagesgespräch» aufgelöst. Es gibt zwar weiterhin Moderatorinnen und Produzenten, die exklusiv oder hauptsächlich für diese Sendungen arbeiten werden, aber sie sind nicht mehr Teil eines Teams mit einer eigenen Leitung, die fachlich und personell führt. Diese Funktionen werden künftig getrennt. Eine Person übernimmt die publizistische Fachführung, eine andere die Teamleitung. Diese Entflechtung der Führungsaufgaben vollzieht SRF auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Chefredaktion Audio/Digital. Die einzelne Mitarbeiterin und der einzelne Mitarbeiter unterstehen damit künftig zwei verschiedenen Vorgesetzten. Die neuen Leitungsfunktionen, wie auch alle anderen Funktionen und Aufgaben, wurden intern ausgeschrieben. Das bestehende Personal konnte sich für die neuen Rollen bewerben.

Nicht mehr für Sendung planen, sondern in Themen denken

«Bisher war es ein recht starres System. Jetzt werden wir viel flexibler», sagt Beat Soltermann. Diese Flexibilität bedeutet, dass die Journalistinnen und Journalisten nicht mehr Beiträge für eine bestimmte Sendung planen, sondern in Themen denken sollen, die dann in unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen Kanälen ausgespielt werden können – von News App, über Play-Plattform und Social Media bis zur Radiosendung.

Das Radiopublikum soll von den angepassten internen Abläufen nichts mitkriegen und weiterhin die gleichen Sendungen in der bisherigen Qualität hören können. Online-User würden sogar ein besseres, weil aktuelleres und vielfältigeres Angebot erhalten.

So weit das Szenario Newsroom 3.0 auf dem Reissbrett.

Die betroffenen Mitarbeitenden im Studio Bern setzen grosse und grundsätzliche Fragezeichen hinter das neue Betriebsmodell. Es gab zwar keinen öffentlichen Protest, wie das bei der drohenden Schliessung des Standorts vor sieben Jahren der Fall war, aber intern artikulierte ein grosser Teil der Belegschaft seine Bedenken sehr deutlich. Das zeigen Gespräche mit verschiedenen Personen. Öffentlich äussern will sich niemand. Es gibt aber auch Stimmen, welche die Reform gut finden. Auch das Radio müsse sich bewegen und alte Abläufe über Bord werfen.

Kritik an Stossrichtung und Zeitpunkt der Reform

Die Mitarbeitenden lehnen das Betriebsmodell Newsroom 3.0 nicht grundsätzlich ab. Sie fordern aber eine sanftere Übergangslösung und kritisieren die Stossrichtung und den Zeitpunkt der Reform. Die Sorge des Personals gilt insbesondere der publizistischen Qualität. Mit dem neuen Organigramm verbringe man mehr Zeit mit Verwaltungsaufgaben als mit journalistischer Arbeit. Ausserdem gefährde die Auflösung der Senderedaktionen die hohen Qualitätsstandards. Die neue Struktur konzentriere die publizistische Diskussion auf weniger Köpfe, was zu weniger Ideenvielfalt und Originalität führe. Einzelne neue Funktionen erhielten ein zu grosses Gewicht in den publizistischen Entscheidungsprozessen. Ohne Not würden effiziente und gut funktionierende Strukturen zerschlagen, lautet ein zentraler Kritikpunkt.

Ein Fragezeichen setzen die Berner SRF-Leute zudem hinter den Zeitpunkt der Reform – aus zwei Gründen: Ausgerechnet zu deren 80. Geburtstag werde die Redaktion des «Echo der Zeit» aufgelöst. Und kurz vor der Abstimmung über die Halbierungsinitiative riskiert SRF Negativschlagzeilen, sollte das neue Betriebsmodell nicht wie geplant funktionieren.

«Wir müssen das Ganze sorgfältig angehen»

Beat Soltermann und Ursula Gabathuler kennen die Kritik. Sie finden es grundsätzlich gut, wenn sich die Betroffenen einbringen. Sie können die Bedenken nachvollziehen, vor allem die Sorge um die Qualität des Angebots, die auch sie umtreibt. «Uns ist bewusst, dass wir das Ganze sorgfältig angehen müssen», sagt Co-Chefredaktor Soltermann. Im Zusammenhang mit den Bewerbungen für die neuen Rollen und Aufgaben hätten sie als Chefredaktion viele Gespräche geführt und eine grosse Bereitschaft gespürt, den Prozess mitgestalten zu wollen. «Es hat einen Moment gebraucht, den Leuten zu zeigen: Stehen bleiben, ist keine Option. Wir müssen uns bewegen», sagt Ursula Gabathuler.

Gleichzeitig sagen die beiden auch, dass die Reform auf dem Papier grösser aussieht, als sie im Arbeitsalltag dann tatsächlich spürbar ist. «Klar gibt es Veränderungen. Aber für die meisten Leute hier im Haus ändert sich grundsätzlich nicht viel», sagt Beat Soltermann.

Ob viel oder wenig, bleibt immer eine Frage der Perspektive. Auf diese Reform folgt schon bald die nächste. Mit der beschlossenen, aber noch nicht terminierten Zusammenführung der heute getrennten Chefredaktionen Video und Audio/Digital kommt es zu einer weiteren Harmonisierung von Abläufen und Prozessen. Und sollte die Halbierungsinitiative angenommen werden, sähe alles noch einmal ganz anders aus. Newsroom 3.0 ist damit nur eine Etappe in einem längeren Prozess mit einem ungewissen Ausgang.



Lesen Sie auch das Interview mit Markus Hofmann, stellvertretender Redaktionsleiter «Echo der Zeit».


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