17.02.2026

VSM

Vier Zahlen und ein erfolgreiches Jahr

Wir dokumentieren die Rede von Verlegerpräsident Andrea Masüger, die er an der diesjährigen Dreikönigstagung gehalten hatte. Im aktuellen «persönlich»-Heft haben wir fälschlicherweise die letztjährige Ansprache abgedruckt.
VSM: Vier Zahlen und ein erfolgreiches Jahr
Andrea Masüger spricht an der Dreikönigstagung des Verlegerverbands Schweizer Medien am 8. Januar in Zürich. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

15 - 30 - 60 - 90: Sie sehen hier hinten eine Art geometrische Reihe, meine Damen und Herren. Es handelt sich nicht um die Weltformel und auch nicht um die Koordinaten jener Stelle, wo der Heilige Gral begraben liegt.

Es sind vier Zahlen, mit welchen sich die Chancen und Gefahren unserer Branche gut beschreiben lassen.

Beginnen wir mit der 15.

15% der Jugendlichen in der Schweiz nutzen heute Künstliche Intelligenz um ihre News-Bedürfnisse abzudecken.

Bei den Erwachsenen ist es erst die Hälfte, aber der Wert wird in den nächsten Jahren dramatisch ansteigen.

Dies bedeutet, dass das heutige Piratenwesen im medialen KI-Bereich zu einem immer grösseren Problem wird. Google, ChatGPT, Perplexity und wie sie alle heissen, verwenden für Fragen zu aktuellen News in 70% der Fälle Inhalte unserer Medien. Wir liefern ihnen gratis den Rohstoff zu ihrem Geschäftsmodell. Um gesperrte Inhalte oder Bezahlschranken kümmern sie sich in vielen Fällen nicht.

Es ist uns im vergangenen Jahr dank der Schützenhilfe einer Ständerätin aus dem Kanton Schwyz gelungen, einen Pflock einzuschlagen: Die Motion Gössi wurde in beiden Kammern in Bundesbern überwiesen. Der Bundesrat muss nun das Urheberrecht auch bei KI-Diensten durchsetzen. Am besten geeignet und am einfachsten wäre wäre eine Abgeltung via Kollektivlizenz. Die Verlage müssen Geld bekommen für den Rohstoff, den andere vergolden.

Beim Leistungsschutzrecht ist es parlamentarisch weniger rund gelaufen. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass die Vorlage des Bundesrates mit der Motion Gössi gekoppelt wird, so ist jedenfalls die Intention der vorberatenden Nationalratskommission. Ein Weltuntergang ist es nicht, wir müssen einfach schauen, dass das Beste daraus gemacht wird und dass wir nicht wieder Zeit verlieren.

Eine Art Erweckungserlebnis bescherte uns die Debatten um die Motion Gössi und um das Leistungsschutzrecht. Wir waren konfrontiert mit wahren Artilleriesalven aus den vereinigten Kanonenrohren der Techplattformen. Das war zu erwarten. Erstaunt hat aber der Widerstand der Wissenschaft: Trotz konstruktiven Gesprächen mit dem ETH-Rat haben über 90 ETH-Professoren in einem offenen Brief ihrer Erwartung Ausdruck gegeben, dass das Freibeutertum der KI-Firmen nicht eingeschränkt wird. Dies würde die freie Forschung behindern und den Wissensplatz Schweiz beschädigen. Die intellektuelle Elite der Schweiz plädierte damit wohl erstmals in der Geschichte für den Wilden Westen im Medienbereich. Frei nach dem Trump-Motto: Nimm, was dir gehört und nimm auch, was dir nicht gehört.

Die Motion Gössi überstand dieses Fegefeuer, aber leider leicht lädiert. Sie wurde vom Parlament abgeschwächt. Dennoch sind wir zuversichtlich, dass sie uns helfen wird.

Die zweite Zahl ist 30.

30% der Schweizerinnen und Schweizer lesen nach wie vor eine gedruckte Zeitung.

Artikel in gedruckten Publikationen sind neben dem Abstimmungsbüchlein nach wie vor die Informationsquelle Nr. 1 für die Bürgerinnen und Bürger. Dies zeigen die Vox-Abstimmungsbefragungen regelmässig. Und deshalb ist die bewährte Medienförderung über die Verbilligung der Posttaxen auch nicht ein alter Hut, wie viele Politiker meinen.

Auch hier konnten wir im 2025 einen Erfolg verbuchen: Das Parlament hat die indirekte Presseförderung erheblich aufgestockt und zudem die Frühzustellung der Zeitungen mit einbezogen. Und der Bundesrat hat schliesslich doch noch darauf verzichtet, im Rahmen des Entlastungspakets 27 die Presseförderung quasi in einer Spitzkehre wieder einzuschränken. Danke, Albert Rösti!

Die Frage des Referendums hat uns umgetrieben. Der Ausbau der Presseförderung hätte es an der Urne schwer gehabt, das zeigten die Diskussionen um das gescheiterte Medienpaket 22. Mit einigem diplomatischem Geschick ist es uns gelungen, potenzielle Referendums-Promotoren zu überzeugen, dass ein gemeinsamer Weg sinnvoller ist. Am Schluss sammelte noch ein kleines Grüppchen Unterschriften und musste schliesslich entnervt aufgeben.

Die Zeitung ist also nicht tot. Und wenn die neue Presseförderung in sieben Jahren ausläuft, muss sie so lange verlängert werden, wie es noch Zeitungen gibt. Es geht nicht an, dass einem nach wie vor funktionierenden Geschäftsmodell der Stecker gezogen wird, bloss, weil man meint, die Zeit von Print sei abgelaufen. Gegen Dreiviertel derjenigen Bürger, die Abstimmen und Wählen gehen, sind Printleser. Das sollte man nicht vergessen.

Wir hoffen hier auf einen Schawinski-Effekt wie beim UKW. Bewährtes soll man halten, bis es sich selbst verabschiedet.

Selbstverständlich muss man sich aber auch Gedanken machen, wie eine generelle Medienförderung nach diesen sieben Jahren aussehen soll.

Die dritte Zahl lautet 60.

60% der Konsumenten nutzen Newsplattformen für ihr tägliches Infomationsbedürfnis.

Sicher wird dieser Anteil noch ansteigen, weil sich die Jüngeren zunehmend vom Print verabschieden. Deshalb ist es wichtig, dass sich Private hier frei entfalten können.

Nach einem jahrzehntelangen Streit mit der SRG ist es uns gelungen, im Frühling das Kriegsbeil zu begraben. Die SRG hat sich zu Zurückhaltung bei ihrem News-Auftritt im Netz verpflichtet und Hand geboten zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit den Privaten.

Und hier erlaube ich mir eine Frage an Sie, wertes Publikum: Wissen Sie, wo sich die Büros der Eidg. Wettbewerbskommission befinden?

Ich kann es Ihnen sagen, denn nun haben wir es Schwarz auf Weiss: Die Büros der Weko befinden sich auf dem Mars.

Ihre Entscheide werden auf einem fernen Planeten gefällt. Das Sekretariat der Weko hat uns bei der Vereinbarung mit der SRG einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Es ist ja augenfällig, dass eine gebührenfinanzierte SRG einen Wettbewerbsvorteil hat und dass dadurch gegenüber den Privaten eine Marktverzerrung besteht. Diese wäre dank unserer Vereinbarung vermindert worden. Die Weko stellt jetzt aber fest, dass sich die SRG mit den privaten Medienhäusern in einem „horizontalen Konkurrenzverhältnis“ befinde und Absprachen im Onlinebereich unzulässig seien.

Noch witziger ist die Sicht der Weko auf die internationalen Techplattformen. Sie stellt hier eine kollektive Marktbeherrschung der Schweizer Medien gegenüber Big Tech in den Raum, wenn sich Private und SRG z.B. im KI-Bereich absprechen. Hier wird der Goliath vor dem kleinen David beschützt - quasi von Staates wegen.

Die vierte Zahl ist 90.

Verschiedene Umfragen der letzten Zeit zeigen, dass bis zu 90% der Befragten ein grosses Unbehagen gegenüber KI im Medienbereich haben.

Man hat das Gefühl oder ist gar sicher, stark mit Fake News konfrontiert zu sein. Man erwartet, dass dies noch zunimmt. Man erkennt darin eine Gefahr für die Jugend, für die Gesellschaft, für die Demokratie.

Interessanterweise sagen dieselben Umfragen, dass kaum jemand Fake News in klassischen Medien verortet und dass Zeitungen und Onlineportale für viel glaubwürdiger gehalten werden als News auf Social Media.

Hier haben wir in diesem Sommer eingehakt. Denn es ist nur schwer erträglich zu sehen, wie mittlerweile drei Viertel der Werbeausgaben im Onlinebereich nach Kalifornien oder China wandern und wir gleichzeitig von dort mit Informationsmüll beglückt werden.

Unsere Kampagne „Glaubwürdigkeit wirkt besser“ soll deshalb den Werbern und den Werbeauftraggebern klarmachen, dass Werbung im Umfeld unserer Schweizer Medien wesentlich besser wirkt als auf Social-Media-Kanälen. Das konnten wir wissenschaftlich belegen. Wir hoffen nun, dass sich einige CMOs und viele CEOs ihre Gedanken darüber machen.

Im Raum steht natürlich auch die Plattformregulierung. Der Bundesrat hat einen zahmen Ansatz gewählt, wohl auch vor dem Hintergrund der dauernden Drohungen aus dem Weissen Haus. Inzwischen hat der Unternehmer Guido Fluri eine Volksinitiative angekündigt, die Hassrede, Desinformation und Fake News auf den grossen Plattformen und in den sozialen Medien ins Visier nimmt. Unser Verband steht diesem Anliegen positiv gegenüber. Hier muss etwa geschehen.

Wir wissen, dass Desinformation heute nicht nur ein gesellschaftspolitisches Problem ist, sondern auch ein sicherheitspolitisches. Das hat Bundesrat Pfister in letzter Zeit immer öfter betont. Und es ist auch Thema in der neuen sicherheitspolitischen Strategie des Bundesrates.

Ja, meine Damen und Herren, grosso modo dürfen wir sagen: Das vergangene Jahr war für den Verlegerverband Schweizer Medien ein erfolgreiches Jahr. Wir haben auf verschiedenen Ebenen einiges erreicht.

Ich danke allen für ihren grossen Einsatz, meinen Kolleginnen und Kollegen im Präsidium und der Geschäftsstelle unter Pia Guggenbühl, die seit Februar bei uns ist und gleich mit Temp 150 losgelegt hat. Es geht nun nahtlos weiter.

An der heutigen Dreikönigstagung erhalten sie in einem spannenden Programm einen Überblick über die Themen, die uns im neuen Jahr umtreiben und die Sie und uns beschäftigen werden.

Andrea Masüger ist Präsident des Verlegerverbands Schweizer Medien


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