Herr Röthlisberger, Sie sind Wirtschaftschef der Schweizer Illustrierten, einem Blatt, das Skandale tunlichst vermeidet und eine heile Welt verkauft. Geben Sie gerade deshalb dieses Buch heraus?
Die Buchidee entstand, als ich noch bei der Weltwoche gearbeitet habe. Die 15 Autoren, die am Skandalbuch mitgeschrieben haben, stammen denn auch aus den verschiedensten Schweizer Medienhäusern.
Sie arbeiten für Ringier. Ist es da nicht problematisch, dass Sie die Borer-Geschichte in Ihrem Buch behandeln?
Die Chefredaktion der SI war über meine Pläne im Bild. Es spricht für den souveränen Umgang der Ringier-Verantwortlichen mit dem Borer-Thema. Und für den grosszügigen Umgang mit den eigenen Mitarbeitern.
Warum findet man in Ihrem Buch den wohl grössten Skandal der letzten Jahrzehnte, die Fichenaffäre, nicht?
Es wurden schon eine ganze Reihe Bücher und Texte zu diesem Thema verfasst. Wir traten mit dem Anspruch an das Projekt heran, den Lesern etwas Neues bieten zu wollen. "Skandale" soll ein modernes Buch sein, das auf abgeschlossene Geschichten weit gehend verzichtet. Urs Paul Engeler mit seinem Text zu den Abhöranlagen und Niklaus Ramseyer mit seinem Beitrag über die geheimen Bunker schrieben gewissermassen die Fortsetzung des Fichenskandals.
Gibt die Schweiz einen nährreichen Humus her, auf dem Skandale gedeihen können?
Nicht mehr als andere Länder. Es ist wohl eine Frage der Grösse. In Deutschland könnte man jedes Jahr ein Skandalbuch herausgeben, in der Schweiz muss man hierfür jeweils zehn Jahre warten.
In den neueren Fällen Borer, Aliesch und Villiger wurde die Rolle der Medien negativ bewertet. Werden hierzulande immer mehr Skandalgeschichten inszeniert?
Nein, das glaube ich nicht. Natürlich gab es in den vergangenen Jahren Fälle, in denen die Medien nicht die vorteilhafteste Rolle gespielt haben. Fast immer jedoch nahmen die Medien etwas auf, was schon da war. Oder anders gesagt: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. In unserem Buch kommt kein Fall vor, in welchem die Medien den Skandal vollständig inszeniert haben.
Könnte man denn immerhin sagen: Ein Skandal wird erst dann zu einem Skandal, wenn ein Aufschrei durch die Medien geht?
Ja, die Öffentlichkeit muss via Medien auf einen Skandal aufmerksam gemacht werden, ansonsten würde er keinen Widerhall finden. Insofern sind die Medien als Relais natürlich sehr wichtig für die Entwicklung eines Skandals.
Wie weit fand in den letzten Jahren eine Boulevardisierung der Skandale statt?
Die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Als Elisabeth Kopp Ende 1988 zum Rücktritt gezwungen wurde, gab es noch es kein Privatfernsehen, der Boulevardjournalismus war dem Blick vorbehalten. Da im Laufe der Zeit auch andere Titel den Boulevardjournalismus für sich entdeckt haben, hat einen gewisse Verbreiterung in der Berichterstattung stattgefunden. Insgesamt haben wir in den letzten zwanzig Jahren eine Zunahme von Skandalen in den Bereichen Wirtschaft, Militär und Medien festgestellt.
Sie schreiben in ihrem Vorwort: "Durchaus möglich, dass erst durch dieses Buch die Tragweite einiger Skandale der jüngsten Schweizer Geschichte deutlich wird." Wie waren bisher die Reaktionen auf Ihr Buch?
Das Buch ist erst vor kurzem erschienen. Wir warten noch ab. Ein Kollege sagte mir, dass das Buch gerade für junge Journalisten von grossem Interesse sei. Denn viele der heute 20- bis 30-Jährigen wissen nicht, was in den vergangenen Jahren alles passiert ist.
"persönlich rot" bringt in seiner aktuellen Ausgabe mit dem Beitrag "Rita Dolder: Unter der Gürtellinie" einen Auszug aus dem Skandalbuch von Peter Röthlisberger.

