12.11.2025

Somedia-DOK

Wenn nur noch die Todesanzeigen interessieren

«L‘ultima gasetta» von RTR zeigt die allgemeinen Herausforderungen der Zeitungsbranche am speziellen Beispiel von Südostschweiz und Somedia. Der Film stellt unbequeme Fragen und vermeintliche Patentrezepte infrage. Ein Aspekt hätte mehr Beachtung verdient.
Somedia-DOK: Wenn nur noch die Todesanzeigen interessieren
Susanne Lebrument, Verwaltungsrätin Somedia, blättert in ihrer Südostschweiz. (Bild: RTR/Still aus «L'ultima gasetta»)

Es ist eine Mischung aus Running Gag und rotem Faden: Ganze dreimal in 50 Minuten lassen Stefanie Hablützel und Paula Nay Abonnenten der Südostschweiz zu Wort kommen, welche die Zeitung nur noch wegen der Todesanzeigen lesen. Überhaupt muss die Südostschweiz im Dokumentarfilm «L‘ultima gasetta» (dt. Die letzte Zeitung) viel Kritik einstecken. Kaum jemand zeigt sich zufrieden mit der Berichterstattung. Politikerinnen, Kulturschaffende, Wissenschaftler, aber auch gewöhnliche Abonnenten äussern wenig Verständnis für den aktuellen Kurs der Redaktion. Neben dem üblichen Lamento, wie es Zeitungsmachern seit jeher entgegenschlägt, schwingt in diesem Fall eine gehörige Portion Skepsis mit gegenüber strategischen Weichenstellungen, die den digitalen Erfolg bringen sollten. (Lesen Sie auch das Interview mit Stefanie Hablützel, der Co-Autorin des Films)

Susanne Lebrument erscheint authentisch und nahbar

Die unternehmerische Verantwortung dafür trägt massgeblich Susanne Lebrument. Anders als ihre beiden Brüder zeigte sie sich bereit, den Filmemacherinnen ausführlich Rede und Antwort sowie vor der Kamera zu stehen. Das ist ein Glücksfall. Lebrument nimmt kein Blatt vor den Mund, auch wenn es um die Fehler der Vergangenheit geht. Sie erscheint authentisch und nahbar.

Die Autorinnen dieses filmischen Porträts des Unternehmens Somedia und seiner Zeitungs- und Onlineredaktion erwischten einen idealen Moment, um die digitale Transformation eines traditionsreichen Zeitungsverlags zu dokumentieren. Der Antritt einer neuen Chefredaktorin und ihre ersten Monate an der Spitze der Südostschweiz zeigen gut auf, wie das Medienhaus neue Wege zu gehen bereit ist. Nikola Nording leitete vor dem Wechsel nach Chur eine achtköpfige Redaktion einer deutschen Lokalzeitung. Sie folgte ihrem ehemaligen Chef Joachim Braun. Auch ihn hatte Somedia von Ostfriesland nach Graubünden geholt und als Co-Leiter Chefredaktion und später als Geschäftsführer Medien installiert.

Kontroverse Rezepte des neuen Chefs aus Deutschland

Damit kommt Braun eine Schlüsselrolle zu in der digitalen Transformation der Publizistik. Im Film geht es über weite Strecken um die kontrovers diskutierten Rezepte, die der deutsche Medienmanager nach Chur mitbrachte. Insbesondere die verstärkte Ausrichtung der Publizistik an den Nutzerbedürfnissen, den sogenannten «User Needs», sorgt für Diskussionen innerhalb und ausserhalb der Redaktion.

Besonders instruktiv zeigt sich die Kontroverse um den neuen Kurs etwa dann, wenn man die Journalistinnen und Journalisten über die Berichterstattung aus dem Bündner Parlament beraten sieht. Auf den Hinweis einer erfahrenen Redaktorin, dass die Artikel über die Eröffnungsansprache des neuen Ratsvorsitzes nicht immer gut gelesen würden, sagt die neue Chefredaktorin: «Ich würde sagen Nein.» Was nicht läuft, das bringen wir nicht. Gleichzeitig wehrt sich Joachim Braun nach Kräften gegen den Vorwurf, einen nachfrageorientierten Journalismus zu machen, sprich: nur noch zu liefern, was klickt. «Wir versuchen ein attraktives Angebot zu machen, weil wir uns im Vorhinein überlegen, wie wir eine Geschichte erzählen können, damit sie interessant ist.»

Roger de Weck warnt vor Schwächung der vierten Gewalt

Damit reagiert er auf die Bedenken, die der Publizist Roger de Weck und der Medienprofessor Matthias Künzler äussern. Die beiden warnen vor einem Klick fixierten Publikumspopulismus, der den Journalismus als vierte Gewalt zu schwächen drohe.

Als Zuschauer fühlt man sich etwas alleingelassen und nimmt nur wahr, dass hier Aussage gegen Aussage steht: Der Medienmacher verteidigt sein Vorgehen gegen die Experten, die vor dem Niedergang des Journalismus warnen. Hingegen fehlt eine angemessene Illustration dieser sich widersprechenden Positionen am konkreten Objekt. Obwohl sich der Film im Kern um das geschriebene Wort dreht, spielen konkrete Südostschweiz-Artikel und ihre Machart eine zu wenig prominente Rolle.

Abgesehen von diesem Mangel bietet «L‘ultima gasetta» einen einzigartigen Einblick in die komplexen Herausforderungen und Mechanismen eines mittelgrossen Medienunternehmens, das in seinem historischen Kerngeschäft vor einer existenziellen Herausforderung steht.

Eine Art Zukunftsprognose auf der Bergwanderung 

Wie es weitergeht mit Somedia und der Südostschweiz, kann der Film natürlich nicht sagen. Als eine Art Zukunftsprognose lässt sich eine Aussage von Neo-Chefredaktorin Nikola Nording verstehen. Beim Aufstieg auf einen Bündner Gipfel sagt sie erschöpft in die Kamera: «Ich kämpfe mich Stück für Stück durch.»

SRF DOK «Die letzte Zeitung - Regionaljournalismus auf dem Prüfstand» 13. November 2025, 20:50 Uhr


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