Stefanie Hablützel, Sie leben und arbeiten in Graubünden. Wie haben Sie die Zeitung Südostschweiz wahrgenommen, bevor Sie einen Film darüber gemacht haben?
Die Südostschweiz war für mich immer eine Pflichtlektüre, weil sie die einzige massgebliche Tageszeitung im Kanton ist. Sie hat einen Wert und eine Position – und damit auch eine öffentliche Bedeutung.
Wie nehmen Sie die Zeitung heute wahr, nachdem Sie sich acht Monate intensiv mit Redaktion und Verlag auseinandergesetzt haben?
Mir ist vor allem bewusst geworden, dass die Berichterstattung viel zu tun hat mit der internen Organisationsstruktur. Das war mir vorher nicht so klar. Es geht dabei nicht nur um einzelne Journalisten und Journalistinnen, sondern um die ganze Publikationsstrategie: Wo wird publiziert, Print oder Online? Worüber wird berichtet? Wie findet man Themen?
«Man spürt den neuen Kurs im Blatt»
Ist Ihnen bei der Lektüre nun bewusster, warum die Zeitung so aussieht, wie sie aussieht?
Ja, definitiv. Ein Kritikpunkt, den wir immer wieder gehört haben, betrifft das Gatekeeping – also die Frage, was berichtet wird und was nicht. Das hat sich unter dem neuen Geschäftsführer Medien Joachim Braun und der neuen Chefredaktorin Nikola Nording geändert. Man spürt den neuen Kurs im Blatt. Die Zeitung versucht, sich stärker an den Leserinnen und Lesern auszurichten. Mein Eindruck war, dass dabei die Kontrollfunktion, die Watchdog-Funktion, der investigative Journalismus zu kurz kommen.
Wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Verlag und Redaktion der Südostschweiz zu drehen?
Paula Nay von RTR kam auf mich zu und fragte, ob ich Lust auf ein gemeinsames Projekt hätte. Gleichzeitig sah ich auf LinkedIn einen Beitrag, der die Südostschweiz kritisierte. Und ich merkte, es gärt überall. Ich wurde von verschiedenen Seiten angesprochen: Leute, die mir sagten, sie seien mit der Zeitung überhaupt nicht zufrieden. Dann habe ich den Kolleginnen von RTR eine SMS geschrieben: Komm, wir machen «L’ultim Rumantsch» in echt …
… das ist die fiktionale Serie von RTR über eine Verlegerfamilie in Graubünden. Welchen Film hatten Sie vor Augen, als Ihre Idee entstand?
Ich fand es interessant zu beobachten, wie sie bei der Südostschweiz versuchen, neue Wege zu gehen. Es war klar aufgrund der rückläufigen Abozahlen, dass sie das Ruder herumreissen müssen und nun an der Spitze der Redaktion auf ein Journalisten-Duo aus Deutschland setzen. Als wir das Projekt dann RTR vorstellten, kam der Wunsch, dass wir auch die Familiengeschichte der Lebruments erzählen. Für diese Doppelgeschichte zu Unternehmen und Redaktion erhielten wir dann im Laufe der Dreharbeiten die 50 Minuten Sendezeit für unseren Film. Wir wollten exemplarisch die Geschichte eines regionalen Medienhauses in der Schweiz erzählen, das probiert, seine Zeitung in die digitale Zukunft zu retten.
«Film ermöglicht wie kein anderes Medium, dass die Zuschauenden in eine Welt eintauchen können»
Sie haben als Journalistin bisher mit Text und Ton gearbeitet. Jetzt wagten Sie sich erstmals an einen Film. Warum?
Was mich am Film fasziniert, ist die Wirkung. Film ermöglicht wie kein anderes Medium, dass die Zuschauenden in eine Welt eintauchen können. Mit dem Bild als Medium bin ich durchaus vertraut, weil ich ursprünglich die Hochschule für Gestaltung und Kunst absolviert hatte. Schon in der Ausbildung hatte ich mich für den Dokumentarfilm interessiert. Ich merkte aber, dass ich inhaltlich zu wenig Know-how hatte, um relevante Geschichten über Bilder zu erzählen. Mit meinen Erfahrungen im Radio und als investigative Journalistin bin ich nun doch beim Film gelandet.
Warum haben Sie den Film mit dem rätoromanischen Sender RTR realisiert und nicht mit SRF? Die Südostschweiz ist ja eine deutschsprachige Zeitung.
Ich hatte einen Moment lang überlegt, ob ich den Stoff SRF anbieten sollte. Aber über den Kontakt mit Paula Nay entschied ich mich für RTR. Das war ein guter Entscheid. Die Abläufe sind schlank und schnell; wir waren beide vor Ort. Und dank einer zweisprachigen Produktion wird der Film nun auch auf SRF gezeigt.
«Wir bekamen zuerst eine Absage»
Hat Sie die Südostschweiz mit offenen Armen empfangen?
Wir bekamen zuerst eine Absage. Ich schrieb eine E-Mail an Susanne Lebrument. Sie rief mich an und sagte, dass der Zeitpunkt ungünstig sei, weil sich das Unternehmen mitten in einem Transformationsprozess befinde. Ich sagte, dass genau dies das Interessante sei. Daraufhin konnten wir unser Projekt Somedia-CEO Thomas Kundert und Susanne Lebrument als Delegierten des Verwaltungsrats vorstellen, die unsere Anfrage dann in die Unternehmensleitung trugen. Wir legten die Karten auf den Tisch und machten klar, dass wir kritisch an die Sache herangehen würden.
Stellte Somedia irgendwelche Bedingungen?
Nein. Was mir aufgefallen ist: Bei unserem ersten Gespräch war eine Autorisierung kein Thema, es gab keine Bedingungen. Das überraschte mich. Offenbar gab es Leute im Unternehmen, die unser Projekt kritisch sahen, aber Susanne Lebrument war sehr offen. Von einem Medienhaus, das normalerweise recht verschlossen ist und schon lange keine Zahlen mehr publiziert, hätte ich das nicht erwartet. Vermutlich erhofften sie sich eine gewisse Publizität, die sie ja nun auch erhalten haben. Man spricht über sie.
«Susanne Lebrument ist überall präsent, redet mit allen Leuten»
Somedia ist ein Familienunternehmen. Im Film sieht man aber praktisch nur Susanne Lebrument. Warum?
Ihr Bruder Pesche Lebrument wollte kein Interview geben. Silvio, der andere Bruder, kommt kurz vor mit einem Statement. Und der Vater und Gründer des Unternehmens, Hanspeter Lebrument, hat Alzheimer. Dass Susanne Lebrument so prominent vorkommt, liegt auch daran, dass sie so etwas wie die Aussenministerin von Somedia ist – sie ist überall präsent, redet mit allen Leuten. Silvio Lebrument, der Verwaltungsratspräsident, stand in letzter Zeit vor allem im Zusammenhang mit dem Rechtsstreit um die Konzession von Radio Grischa in der Öffentlichkeit. Darüber haben wir aber nicht berichtet, weil das Verfahren noch hängig ist.
Neben Susanne Lebrument ist Nikola Nording die andere zentrale Figur im Film. Die neue Chefredaktorin kommt aus Norddeutschland. Wie konnten Sie sie überzeugen, sich begleiten zu lassen?
Wir haben ihr das Projekt vor Stellenantritt in einem Call präsentiert und Arbeitsproben mitgeschickt. Es war klar, dass besonders der erste Arbeitstag eine Herausforderung sein würde, alles neu und dann ist auch noch eine Kamera dabei. Es war wirklich eine exponierte Position, in der sie sich befunden hat.
Hat sich das im Laufe der Zeit geändert?
Mein Eindruck ist ja. Wir haben uns bemüht, möglichst konkret über die anstehenden Drehs und die damit verbundenen Fragen zu informieren.
Der Film zeigt sehr viele kritische Stimmen aus Politik, Kultur, Medienwissenschaft und Publizistik. Warum so einseitig?
Das ist uns bei der Montage des Films auch aufgefallen. An einem bestimmten Punkt sind wir das Material durchgegangen und haben nach positiven Äusserungen gesucht. Sogar ein Grossrat, der sich im Film positiv zu den Porträts in der Südostschweiz äussert, sprach anfänglich negativ über die Zeitung. Erst auf meine Nachfrage, was er an der Zeitung würdigt, hat er dann die Porträts erwähnt. Es ist nicht so, dass wir es nicht versucht haben. Aber wir hatten Mühe, positive Stimmen zu finden. Was aber nicht heisst, dass es sie nicht gibt. Das kann man kritisieren. Aber im Film erhält die Redaktion genügend Raum, um ihren Kurs zu vertreten. Ich finde deshalb nicht, dass es eine einseitige Darstellung ist.
«Eine Zeitung ist mehr als ein Brotaufstrich»
Eine wichtige Rolle im Film spielt der Entscheid der Südostschweiz, ihre Berichterstattung an sogenannten «User Needs» auszurichten, also verstärkt unterschiedliche Nutzerbedürfnisse und -erwartungen zu berücksichtigen. Sie sehen das kritisch. Wieso?
Die «User Needs» gibt es in unterschiedlichen Ausprägungen. Bei der Südostschweiz kommt dieses Modell marktförmig daher. Joachim Braun, der publizistische Leiter, verglich 2024 bei Tele Südostschweiz erfolgreichen Journalismus mit dem Brotaufstrich Nutella: «Wir wollen den Leuten auch schmecken.» Doch eine Zeitung ist mehr als ein Brotaufstrich, wie auch Medienwissenschaftler Matthias Künzler im Film festhält. In einer Kolumne in der Südostschweiz kündete Braun auch an, dass die Redaktion grundsätzlich nicht mehr über Debatten im Grossen Rat berichten werde, weil das kaum interessiere. Neu sollten die Folgen der politischen Entscheide für die Lesenden im Zentrum stehen. Im Film ist zu sehen, dass der neue Kurs sogar redaktionsintern auf Kritik stiess.
Was ist Ihre Erkenntnis zu den «User Needs» aus den Beobachtungen der Südostschweiz-Redaktion?
Sie sollten ein Tool unter vielen sein. Natürlich muss man schauen, was die Leute interessiert. Natürlich muss man an ihrem Wissensstand andocken. Aber beim Fokus auf die Nutzerbedürfnisse vermisse ich die publizistische Gewichtung und Ausrichtung. Ich habe bei den Dreharbeiten kaum erlebt, dass die Redaktion um ein Thema gerungen hat – dass sie es auseinandergenommen und diskutiert hat, was genau das Relevante daran ist.
Der Film wird zur Primetime auf SRF 1 gezeigt. Was wünschen Sie sich, was die Zuschauer mitnehmen sollen?
Ich habe manchmal das Gefühl, dass der Journalismus etwas in Vergessenheit gerät. Er ist zwar immer ein Thema, es werden wahnsinnig viele Sachen publiziert. Aber man sieht es auch im jüngsten Jahrbuch «Qualität der Medien»: Leute sagen, ich konsumiere keine Nachrichten mehr oder nur noch wenig. Zeitungsabos sind nicht mehr selbstverständlich. Wenn es eine Debatte über die Rolle des Journalismus gibt – und ich finde, er hat eine sehr wichtige Rolle in der Gesellschaft – dann ist das super.
Aber Ihr Film ist nicht gerade gute Werbung für den Journalismus …
Die Rezeption können wir natürlich nicht beeinflussen. Aber solange sich die Leute noch über den Journalismus aufregen, ist er ihnen nicht egal. Es ist auch gut zu sehen, wie Susanne Lebrument und Nikola Nording für den Journalismus kämpfen. Das schafft durchaus Verständnis und Goodwill für die schwierige Rolle des Regionaljournalimus. Man muss Sachen zur Diskussion stellen und sie so zeigen, wie sie sind. Und das haben wir mit unserem Film gemacht.
SRF DOK «Die letzte Zeitung - Regionaljournalismus auf dem Prüfstand» 13. November 2025, 20:50 Uhr

