10.03.2026

David Schärer

«Eine Kampagne bemisst sich am Erfolg – und ich bin gescheitert»

Ein Triumph und eine Niederlage am selben Sonntag: Kampagnenprofi David Schärer feierte mit über 60 Prozent Nein-Stimmen einen deutlichen Sieg über die Halbierungsinitiative – und erlebte wenige Stunden später das Scheitern seines Kandidaten Përparim Avdili bei der Zürcher Stadtratswahl.
David Schärer: «Eine Kampagne bemisst sich am Erfolg – und ich bin gescheitert»
Gemischte Gefühle: David Schaerer. (Bild: zVg)

Herr Schärer, Sie haben sowohl die erfolgreiche Kampagne Nein zur Halbierungsinitiative als auch die erfolglose Stadtpräsidentenkandidatur von Përparim Avdili in Zürich betreut. Wie ist Ihre Befindlichkeit?
Gemischt. Ich freue mich, dass das Ergebnis der Halbierungsinitiative so deutlich ausfiel. Dass wir auf über 60 Prozent Ablehnung gekommen sind, ist ein wichtiges Signal. Die Kampagne hatte mir zeitweise schlaflose Nächte bereitet. Wir verfolgten gestern mit über hundert Personen die Hochrechnungen, es ist immer ein bisschen wie ein Public Viewing an einer Fussball-WM. Als wir uns am späteren Nachmittag im Team Avdili in Zürich trafen, war meine Stimmung sofort im Keller.

Was ist gut gelaufen bei der SRG?
Was die Kampagne des offiziellen überparteilichen Komitees betrifft, sind es zwei Punkte. Erstens die Logistik. Es ist geglückt, eine sehr breite Allianz aus Zivilgesellschaft, Kultur, Sport, Gewerkschaften und Parteien zu bilden. Von den Parteien hat namentlich die SP Wirkung entfacht. Meine Kolleginnen Janine Paumann und Laura Zimmermann haben während sechs Monaten einen Parforce-Akt hingelegt und hohe Frustrationstoleranz gezeigt bei der Organisation der Kampagne. Dies war nur mit dem Engagement zahlreicher Menschen und Organisationen möglich, die die Kampagne auch finanziell grosszügig unterstützten. Zweitens ist es gelungen, über die Argumentevielfalt aus dieser Allianz auf das Risiko der Vorlage hinzuweisen. Das «Gute Nacht»-Konzept als Dach hat dies effektvoll verdichtet.

In Zürich ist es weniger gut gelaufen. Haben Sie Herrn Avdili falsch positioniert als Secondo aus Altstetten, dass es für ihn nicht in den Stadtrat reichte?
Eine Kampagne bemisst sich an ihrem Erfolg und diese Kampagne scheiterte, man muss es so sagen. Das ist das Erbarmungslose am politischen Campaigning und bitter für Përparim Avdili. Für meinen Kollegen David Wember, der seinen Wahlkampf operativ leitete und auch für mich. Wir gehen als Team ja emotional mit. Wir wussten, dass dies eine schwierige Aufgabe werden würde. Bei der Positionierung bewegen sich Herausfordererkampagnen in einem Spannungsfeld. Aufmerksamkeit ist eine notwendige Bedingung und Anschlussfähigkeit die hinreichende. Dann sind Majorzwahlen auch Persönlichkeitswahlen, darauf haben wir aufgebaut. Dass Përparim Avdili am Ende nicht gewählt wurde, bedeutet deshalb umgekehrt nicht, dass ein Standardwahlkampf zum Erfolg geführt hätte. Ich bekam in den letzten Tagen ein schales Gefühl, als Përparim Avdili mit so viel Dreck beworfen wurde. Wir haben schon viel gesehen, aber nicht in dieser Intensität. Andererseits haben uns gestern noch viele Menschen gesagt, dass die Kampagne sie inspirierte.

Nun hat es acht linke Mitglieder im Zürcher Stadtrat, also mehr als erwartet. Ist dies ein Naturgesetz oder könnte man in Zukunft kommunikativ etwas dagegensetzen?
Die Wahl-Arithmetik ist, was sie ist. Die bürgerlichen Kräfte einschliesslich der GLP werden sich überlegen müssen, ob sie sich auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin einigen oder ob sie sich gegenseitig kannibalisieren.

Haben Sie sich gestern nicht selbst ein bisschen ins Bein geschossen, indem durch die SRG-Abstimmung viele eher links-urbane Wählerinnen und Wähler mobilisiert wurden?
Gute Frage. Auf Zürich bezogen hat es ja etwas Widersinniges, dass die FDP bei einer sehr hohen Wahlbeteiligung im Zürcher Parlament zugelegt hat und die Grünen vier Sitze verloren haben, diese aber dennoch drei Stadträtinnen und Stadträte stellen. Auch auf nationaler Ebene war es ein guter Tag für die FDP, weil sie die Vorlage der Individualbesteuerung gewonnen hat. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Mobilisierung diesem Anliegen geholfen hat. Wir werden dies wohl in den Analysen sehen.

Ein wichtiges Thema in der Stadt Zürich ist das geplante Werbeverbot. Dies wird bei der rot-grünen Mehrheit im Gemeinderat problemlos durchkommen?
Ich hoffe nicht und ich glaube dies auch nicht. Die Kampagne der letzten Wochen legt die Argumente gut dar, weshalb ein Werbeverbot schädlich wäre. Ein Verbot von kommerzieller Aussenwerbung würde dazu führen, dass noch mehr Geld in amerikanische Tech-Plattformen fliesst. Ich bin mir sicher, dass die moderaten Gemeinderätinnen und Gemeinderäte von links dies gleich einschätzen.

Wie geht es nun weiter? Wie geht es Herrn Avdili?
Er hat am Sonntagabend bei der Partei eine sehr motivierende Rede gehalten. Aber wir werden schon etwas Aufarbeitungszeit zusammen brauchen.


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KOMMENTARE

Victor Brunner
10.03.2026 10:50 Uhr
Es war eine schlechte Kampagne. Nicht der politische Leistungsausweis wurde thematisiert sondern Secondo, Mieter, aus einfachen Verhältnissen. Eigenschaften die auf Tausende zutreffen. Möglich das dies Absicht war weil der Leistungsausweis von Advili eher bescheiden ist!
Agnès Laube
10.03.2026 10:49 Uhr
Die Avdili-Kampagne war eine totale Fehleinschätzung für eine Stadt wie Zürich. Dass Begriffe der linken Szene wie 'Wo-wo-Wohnige' etc. benutzt wurden, kam bei sehr vielen Wähler:innen, die sich gut an die Bewegungszeit erinnern können, schlecht an. Auch andere Slogans wie 'bauen, bauen, bauen' sind nur hohl und bedienen nicht einmal den Mittelstand mehr.
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