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Ein Markenerlebnis, das nie stattgefunden hat

Huiiiiii – die SBB macht KI-Werbung. Gezeigt wird ein glücklicher Kunde, der so als Mensch nie existiert hat. Angeblich besitzt er ein GA und ist damit bis zur schönsten Schneelandschaft der Schweiz gefahren, wo sein Zug angehalten hat und ihm diesen wunderbaren Moment des Sonnenuntergangs beschert hat. Romantische Lichtstimmung, verschneite Bäume, Idylle pur. «Mein Winter», sagt er und guckt dabei etwas verstrahlt in die KI-Kamera. Berührt dich das auch?

Ich predige in meiner KI-Beratung immer: Finger weg von KI-Bildern, wenn es um Menschen und Emotionen in der Unternehmenskommunikation geht. Niemals ein Markenerlebnis mit KI suggerieren, das so nie stattgefunden hat. «Schaut her – das ist unser glücklicher Kunde.» Nein – ist er eben nicht. Und er sagte auch nicht: «Mein Winter».

Natürlich kann man sagen: Auch ein Foto mit einem Model ist inszeniert. Stimmt. Aber: Ein echtes Foto mit einem echten Menschen hat immer einen Rest von Wirklichkeit und im besten Fall einen Bezug zur Welt. Es gab diesen Moment wirklich. Der Mensch auf dem Foto existiert. Der Ort auch. Und man kann im Optimalfall sogar mit dem Zug dorthin fahren. Ein KI-Bild hingegen ist eine Wunschwelt, komplett am Rechner erzeugt.

Dieser Unterschied ist mehr als semantisch. Er ist essenziell für Glaubwürdigkeit und Vertrauen – gerade in der Markenkommunikation. Dies geht leider allzu oft vergessen. Besonders, wenn die Budgetkürzung um die Ecke kommt und mit KI vermeintlich Kosten gespart werden sollen.

Das gilt übrigens nicht nur für Werbekampagnen wie jene der SBB. Auch in Bereichen wie HR-/Employer-Branding, Mitarbeiterportraits, Testimonial-Bilder, Krisenkommunikation oder Event-Rückblicke sollte man keine KI-Bilder verwenden. Viele Konsumenten sind schlicht noch nicht bereit dafür.

Viel Vorbehalt und Ablehnung

Ganz einfach: Studien zeigen, dass KI-generierte Menschenbilder nach wie vor auf viel Vorbehalt und Ablehnung stossen. Natürlich gibt es Unterschiede je nach kreativer Leitidee, Marke, Kontext und Zielgruppe. Aber grundsätzlich gilt: Die Menschheit ist emotional noch nicht «ready», sich von Unternehmen in ihrer Kommunikation mit synthetischen Menschenbildern berieseln zu lassen.

Ich empfehle meinen Kundinnen und Kunden deshalb: Wenn ihr mit KI spielt, dann macht es eindeutig. Unterhaltet eure Zielgruppe. Macht es transparent (und nein – ich meine nicht nur den kleinen Hinweis «KI-generiert»). Nutzt Humor. Nutzt die Stärken der Technologie dort, wo klassische Fotografie an ihre Grenzen stösst. Aber ersetzt niemals echte Kreativität durch synthetischen Einheitslook, Banalitäten oder unnützen KI-Slop.

KI kann beeindruckende Bilder erzeugen, keine Frage. Aber sie ersetzt weder echte Menschen noch die emotionale Tiefe einer fotografierten Begegnung. Und sie ersetzt schon gar nicht das Können, das Wissen und die Haltung jener, die dieses Handwerk über Jahre gelernt und verfeinert haben.

«Weisch – der Kevin hat einen Kurs besucht»

Nicht selten entstehen KI-Bilder heute in Unternehmen von irgendjemandem, der «das halt irgendwie kann» oder sich «ein wenig mit der Materie auseinandergesetzt» hat («Weisch – der Kevin hat einen Kurs besucht»). Eigentlich bedenklich, wenn man bedenkt, dass Fotograf ein echter Beruf ist und dass man Grafik an der Kunsthochschule studieren kann. Denn oft werden KI-Bilder schlicht von Personen produziert, die nicht qualifiziert sind, visuelle Kommunikation auf Markenebene zu gestalten.

Ich würde ja auch nicht den Praktikanten ranlassen und sagen: «Überarbeite mal ein bisschen das Corporate-Design-Manual – vielleicht probierst du mal ein paar neue Farben aus.» Warum also bei KI-Bildern?

Die SBB hat all diese Aspekte offenbar nicht berücksichtigt oder sich bewusst dagegen entschieden. Das Sujet bleibt banal. Dafür braucht es keine KI. Das schaffen gute Fotografen genauso gut – oder besser. Genau darin liegt unsere Stärke: eine Vision des fertigen Bilds haben, passende Models casten, die perfekte Location finden, den Kunden jonglieren, das Produktionsteam orchestrieren, echte Emotionen inszenieren und ein Bild schaffen, das Wirkung, Haltung und Substanz hat und langfristig positiv in die Markenkasse einzahlt.

Vielleicht reagiere ich deshalb auch so empfindlich, weil die SBB nicht einfach nur ein Transportanbieter ist. Sie ist Teil des kollektiven Schweizer Selbstverständnisses. Eine Marke, die Werte verkörpert. Eine Marke, die uns allen ein bisschen emotional gehört. Und gerade deshalb frage ich mich: Passt dazu wirklich eine synthetisch erzeugte Wunschwelt?

Hat die SBB hier den Bogen überspannt? Ist das Publikum bereit für diese Art von Kommunikation? Oder war der Einsatz von KI in diesem Fall einfach eine visuelle Abkürzung ohne echten Mehrwert?

Was denkt ihr?


Markus Mallaun ist KI-Bild-Experte, Markenstratege, Fotograf, Filmemacher und Geschäftsführer der BOOSTR GmbH. Dieser Beitrag wurde zuerst auf boostr.ch publiziert. 

Unsere Autorinnen und Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

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KOMMENTARE

Youri Laubscher
18.11.2025 17:12 Uhr
Als Creative Director, Digital Artist und High-End-Retoucher bin ich überzeugt, dass man ein Sujet wie dieses problemlos mit echten Bildprofis realisieren kann. Und wenn man sich für künstliche Intelligenz entscheidet, sollte man ebenfalls mit Spezialisten arbeiten, die dieses Medium wirklich beherrschen – besonders wenn es um die Qualität der Gesichter geht. Genau dort braucht es Präzision, Erfahrung und ein geschultes Auge. Denn wenn KI nur halbherzig oder unprofessionell eingesetzt wird, ist es eindeutig besser, den klassischen Weg zu gehen – mit echten Profis. Vor allem, wenn man für Kunden arbeitet, die über die Budgets und den Anspruch für hochwertige Kommunikation verfügen.
Victor Brunner
18.11.2025 08:50 Uhr
Vielleicht ist das KI generierte Bild Hinweis wie sich die SBB von den Kunden weg entwickelt. Unsere Kunden sind nicht Menschen sondern manipulierbare Wesen!
Ueli Custer
17.11.2025 07:14 Uhr
Werbesujets werden ja sowieso sehr oberflächlich genutzt. Und dabei ist es mir so etwas von egal, ob das Sujet nun KI-generiert oder fotografiert ist. Aber klar, als direkt Betroffener würde ich auch versuchen, mich zu wehren. Aber die Geschichte der Kommunikation zeigt einfach, dass abwehren falsch ist. Man muss sich immer an die neuen Rahmenbedingungen anpassen. Fragen sie mal die gedruckten Medien.