Am 26. Oktober 2001 lag die erste Ausgabe von Work am Kiosk, 24 Seiten im Zeitungsformat, auf dem Titelbild Bundesrat Pascal Couchepin. Chefredaktor Hanns Fuchs versprach im Editorial eine Zeitung aus Sicht der Arbeitnehmenden. «Wer mit ehrlicher Arbeit seinen Lohn verdient, steht uns näher als die Ritter des schnellen Geldes», schrieb er. Den ersten «Brief der Woche» verfasste ausgerechnet SVP-Nationalrat Christoph Blocher. Gewinn sei «das Blut des Unternehmens», belehrte er die Gewerkschafter. Die neue Zeitung solle sich mit den Grundfragen der Arbeit befassen und nicht vor allem damit, wie man die Arbeit als leidiges Übel loswerde. «In diesem Sinne» wünschte er «viel Erfolg».
Zum runden Geburtstag ist am 29. Oktober 2026 eine Jubiläumsausgabe erschienen. Dafür besuchte die Redaktion Leserinnen und Leser in allen sieben Deutschschweizer Unia-Regionen, von der Uhrenarbeiterin aus der Region Biel bis zum pensionierten Elektroindustriearbeiter im Kanton Schaffhausen. Sie erzählen, warum sie Work lesen. Unia-Präsidentin Vania Alleva sagt, sie lese die Zeitung «von vorn bis hinten». Marie-Josée Kuhn, von 2002 bis 2022 Chefredaktorin, erinnert sich, wie sie 2008 in aller Frühe die Druckmaschine anhalten liess, weil eine Klage der UBS drohte. Und ihre Nachfolgerin Anne-Sophie Zbinden formuliert im Editorial das Credo der Zeitung: «Wer arbeitet, muss wissen, was läuft. Denn nur wer versteht, kann sich wehren.»
Gewerkschafter planten ein Massenblatt
Die Geschichte von Work begann fünf Jahre vor der ersten Ausgabe. 1996 rechnete eine Arbeitsgruppe aus Gewerkschaftern erstmals Modelle für eine linke Wochenzeitung durch. GBI und Smuv, aus denen später die Unia hervorging, suchten nach neuen Konzepten für ihre Verbandszeitungen. Ihnen schwebte ein Massenblatt mit einer Auflage von gegen 200’000 Exemplaren vor. Als der Tages-Anzeiger 1997 über die Pläne berichtete, nannte er sie mit Blick auf das Schicksal anderer linker Zeitungen ein «Himmelfahrtskommando».
Anfang 2000 lag das Konzept für Work vor. Es orientierte sich an den Konsumentenzeitschriften K-Tipp und Saldo, mit tiefem Abopreis, viel Service und Werbung über Gratisnummern. Auch daran zweifelten Fachleute. Koni Loepfe, Chefredaktor der SP-nahen Wochenzeitung P.S., sah keine Marktlücke: «Über jede halbwegs ernst zu nehmende Streikdrohung berichten alle Zeitungen.»
Der erste Start platzte
Schon der Weg zur ersten Ausgabe verlief holprig. Der geplante Start im Herbst 2000 platzte. Mehrere renommierte Journalisten seien abgesprungen, berichtete die SonntagsZeitung. Erst mit Hanns Fuchs, zuvor Bundeshausredaktor von Radio DRS, kam das Projekt ein Jahr später ins Rollen.
Die ersten beiden Ausgaben erschienen in einer Auflage von je 200’000 Exemplaren. 110’000 gingen an die Mitglieder der Gewerkschaften GBI, Smuv und VHTL, die 2004 zusammen die Unia gründeten. Weiter wollten die Herausgeber 20’000 zahlende Abonnentinnen und Abonnenten gewinnen. Die Zeitung erschien alle zwei Wochen. Die Einzelnummer kostete am Kiosk 2.80 Franken, das Jahresabo 36 Franken.
Das Wort «Gewerkschaft» fehlte
Der Untertitel lautete «Die Zeitung zur Arbeit». Das Wort «Gewerkschaft» kam nicht vor. Nicht einmal als linke Zeitung wollte sie Chefredaktor Fuchs verstanden wissen. «Wenn wir sagen würden, wir seien eine linke Zeitung, dann schlössen wir automatisch einen Teil des anvisierten Publikums aus», sagte er dem Medienmagazin Klartext.
Bereits nach drei Monaten kündigte Fuchs seinen Abgang an (persoenlich.com berichtete). Der Verwaltungsrat wolle Work stärker politisch positionieren, begründete er den Schritt. Der Spagat zwischen der Herausgeberschaft und dem Druck auf Markterfolg sei einer gewesen, «der auf Dauer weh tat». Verwaltungsratspräsident André Daguet bestätigte die Differenzen: Er wünsche sich einen anwaltschaftlichen Journalismus, der dezidiert die Sicht der Arbeitnehmenden einnehme. Die Leitung übernahm per sofort Kuhn, die als Redaktorin von Anfang an dabei war. Sie «wollte unser Konzept umsetzen», sagte Mitgründer Andreas Rieger 2011 im Work-Interview zum zehnjährigen Bestehen.
Ein Jahr nach dem Start gaben die Herausgeber auch das Ziel einer Publikumszeitung auf. Es fehlten Inserate und damit das Geld für die Abowerbung, sagt Rieger in der Jubiläumsausgabe. Rückblickend nennt er die Publikumszeitung eine «Schnapsidee».
Die Redaktion ergreift Partei
Daguets Linie setzte sich durch und prägt Work bis heute. Die Redaktion stellt sich auf die Seite der Arbeiterinnen und Angestellten. In der Jubiläumsausgabe kommt eine Fahrerin von Just Eat zu Wort. Sie will sich mit gut 60 Kolleginnen und Kollegen und der Unia dagegen wehren, dass der Lieferdienst Kurierinnen und Kuriere künftig als Selbständige beschäftigt. Andere Artikel berichten von Belegschaften, die mit Unterstützung der Gewerkschaft mehr Lohn oder einen besseren Sozialplan erreicht haben.
Daneben pflegt Work den Service, der von Anfang an zum Konzept gehörte. Ein Ratgeber erklärt, was ein Arztzeugnis enthalten muss und ob Krankgeschriebene E-Mails der Chefin beantworten müssen. Auf den Serviceseiten erscheint ein Text aus Saldo, jener Konsumentenzeitschrift, die im Jahr 2000 als Vorbild diente. Und auf der letzten Seite porträtiert Work den Operator der St. Galler Druckerei, in der die Zeitung heute gedruckt wird. Er arbeitet dort seit 25 Jahren, so lange, wie es Work gibt.
Heute steht die Gewerkschaft im Untertitel
Work erscheint heute nur noch alle drei Wochen, in einer Auflage von gut 60’000 Exemplaren und zum selben Preis wie 2001. Der Untertitel lautet «Die Zeitung der Gewerkschaft», und Rieger nennt Work eine «eigenständige, linke, gewerkschaftsnahe Publikation». Aus der geplanten Publikumszeitung ist eine Mitgliederzeitung geworden. Das ist weniger, als die Gründer versprachen. Aber mehr, als ihr die Skeptiker zugetraut hatten.


