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Das Ende der Tagespresse ist terminiert

Dani Sigel

Die gedruckten Tageszeitungen haben ein Enddatum. In rund sechs Jahren, zwischen 2029 und 2031, schliesst die TX Group ihre Druckzentren in Zürich, Bern und Lausanne (persoenlich.com berichtete).

Bleibt noch genug Zeit, die Leser vom Print ins Digital zu transformieren?

Gedruckte Tageszeitungen verlieren seit über 20 Jahren Abonnenten, diese strukturelle Veränderung ist keine neue Erscheinung. Genau gleich wenig wie die digitale Zeitung. Das erste täglich erscheinende E-Paper hat die Rhein-Zeitung aus Koblenz 2001 lanciert.

Jahr für Jahr sinken die Gesamtauflagen der Zeitungen in der Schweiz. Die steigenden Verkäufe im E-Paper-Segment gleichen die Auflagenverluste im Printbereich bei Weitem nicht aus.

Die vier Dilemma der Schweizer Verlage sind:

1. Produkteschwund: Seit 2003 wurden über 70 Printtitel eingestellt.

2. Aboschwund: Zwischen 2003 und 2020 hat sich die Gesamtzahl aller Abonnenten auf 1,6 Millionen mehr als halbiert.

3. Online gratis: Nur gerade 13 Prozent sind bereit, für Onlinemedien zu bezahlen.

4. Werbebudgets fliessen ab: 2002 waren es 1,86 Milliarden Franken, 2020 noch 432 Millionen Franken. Diese Verluste können mit Onlinewerbung nicht annähernd gedeckt werden.

Die TX Group setzt nun ein klares Zeichen. Das Ende der gedruckten Tageszeitung ist terminiert.

Die Herstellung und Produktion einer Tageszeitung setzt das symbiotische Zusammenspiel von Druckerei, Transport, Vertrieb und Verlag voraus. Wenn diese Kette nicht professionell, tadellos und 365 Tage im Jahr funktioniert, landet die gedruckte Zeitung nicht beim Abonnenten im Briefkasten. Diese Abläufe funktionierten seit Jahrzehnten grossartig, und die Fehleranfälligkeit ist beinahe vernachlässigbar.

Allerdings wird dieses System seit Jahren sehr strapaziert. Weniger Abonnenten, weniger Zeitungen, weniger Druckauflagen, kleinere Transportmengen und ein immer löchrigeres Vertriebsnetz. Bisher haben alle ihr System laufend den strukturellen Veränderungen angepasst. Allerdings wird das nicht mehr lange gut gehen. Es kollabiert, bevor die TX Group ihre Druckereien schliesst und die dazugehörenden Immobilien verkauft.

Heute schon macht die Post Druck auf die Verlage bezüglich Erscheinungstagen. Flexmodelle werden angeboten, um die Verteilung effizienter zu gestalten. Durch die Abnahme der Mengen werden die Stückpreise immer teurer. Das Ende naht, nicht nur bei den Druckereien, auch im Vertrieb. Kann die Post in fünf Jahren noch eine tägliche Zustellung der Tageszeitungen garantieren?

Was hätte man tun können?

Die «Milchbüchleinrechnung» bei den Schweizer Tageszeitungen ist schnell gemacht. Man kann heute berechnen, wie viele Zeitungsabonnenten es in fünf Jahren noch gibt.

Wären die vier Partner (Druckerei, Transport, Vertrieb, Verlag) vor Jahren zusammengesessen und hätten eine gemeinsame «Print-Ausstiegstrategie» entwickelt, würde vieles einfacher, effizienter und kostengünstiger gehen. Der gemeinsame Ausstiegsplan wäre für den Endkunden besser verständlich und kommunizierbar.

Das Big Picture fehlt, und gerade dieses wäre wichtig, um gemeinsam die gesamte Produktions- und Vertriebskette in einem sinnvollen Mass herunterzufahren. Offensichtloch stehen die eigenen Interessen weiterhin an erster Stelle.

Oder es geht doch allen noch zu gut?

Da kommt einem das berühmte Bild des Schweizer Campingplatzes in den Sinn. Jeder baut seinen eigenen Zaun um seine Parzelle. Ein Zaun zum Nachbarn reicht nicht, weil man sich nicht einigen kann.

Diese Mentalität führt die gesamte Schweizer Verlagsbranche vor noch grössere Herausforderungen als bereits vorhanden. Transformation muss in alle Richtungen gedacht und umgesetzt werden.

Vielleicht bewirkt der TX Group-Schliessbeschluss ein Umdenken?

Eines ist sicher, die letzten grossen Druckereien von CH Media jubeln heute schon. Die Nachfrage an Druckaufträgen wird steigen, die Preise bestimmt auch. Das Rennen ist eröffnet.

Es ist auch nicht auszuschliessen, dass der Beschluss der TX Group ein weiteres Mal nach hinten verschoben wird.



Dani Sigel hat 40 Jahre für verschiedenste Medien im In- und Ausland gearbeitet. Zudem war er zehn Jahre lang Präsident des Verbandes Schweizer Regional Medien (VSRM). Heute ist er selbständig und berät Firmen im Bildungs- und Personalbereich.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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