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Der Du-Retter

Matthias Ackeret

Es gab mal Zeiten, da war das Du der papiergewordene Status des Bildungsbürgertums. Gelesen – oder eher nicht gelesen – stapelte sich die Kulturzeitschrift in unzähligen Haushalten, aber auch in Arztpraxen oder vornehmen Restaurants wie der Zürcher Kronenhalle. Diese Zeiten sind längst vorbei, das Du gibt es aber immer noch, und auch die Erinnerung an die Glorie, den Mythos des grossformatigen Hefts hat sich erstaunlicherweise in den Hirnrinden des Kulturpersonals – oder solcher, die sich für zugehörig halten – verankert.

Dass dies so ist, ist vor allem – oder sogar ausschliesslich – Oliver Prange zu verdanken. Der langjährige persönlich-Verleger, mein Vorgänger, hat dem Du die notwendige Infusion gegeben und das Heft allen Widrigkeiten zum Trotz am Leben erhalten. Es war kurz vor Jahresende 2006, als wir von einer IAA-Tagung aus Istanbul zurückflogen. Hoch über Europa fragte ich meinen Freund Prange, ob er eigentlich immer noch am Du interessiert sei. Zur Vorgeschichte: Bereits drei Jahre zuvor hatten Prange und sein damaliger Geschäftspartner Bruno Hug versucht, von Hans Heinrich Coninx das Du zu erwerben. Vergeblich. Den Zuschlag bekam am Ende der Thurgauer Niggli-Verlag. Prange ärgerte sich nur kurz, wie es seinem Naturell entspricht, und widmete sich wieder dem persönlich, wissend, dass man sich nicht nur im Privatleben zweimal trifft. Kaum in Kloten angekommen, nahm Prange Kontakt mit dem damaligen Verleger Viktor Heer auf. Dieser, ermüdet vom Endloskampf mit seiner eigenen Kulturredaktion und vom Buhlen um die Aufmerksamkeit der permanent naserümpfenden Kulturschickeria, muss froh gewesen sein, als der agile Verleger aus Rapperswil aufkreuzte, ihm ein grosszügiges Kaufangebot machte und zu einem verlegerischen Husarenritt aufbrach.

Seit dem Sommer 2007 ist nun Oliver Prange Mister Du. Das «Echo der Zeit», Gradmesser der gesellschaftlichen Erregung, berichtete wohlwollend-skeptisch über dessen Übernahme. Doch Prange kann heute, 17 Jahre später, von sich zu Recht behaupten, mit seinem Effort, aber auch seinem journalistischen und vor allem kaufmännischen Geschick die Schweizer Kulturinstitution am Leben erhalten zu haben. Was der grosse Tagi-Verlag nicht schaffte, gelang bis jetzt dem Fast-Einmannunternehmen Prange; das Du erscheint, rentiert und stapelt sich wieder in den Auslagen der Buchhandlungen und Kioske, was in der heutigen durchdigitalisierten Zeit fast schon wieder suspekt ist. Doch wer die beiden letzten Du mit der ehemaligen Werberin Doris Gisler oder dem Basler Starfotografen Onorio Mansutti betrachtet, fühlt sich an vergangene Zeiten erinnert. Zwar sind nicht nur die Exponenten älter geworden, sondern auch deren Leserinnen und Leser und sogar der Verleger, die Zeitschrift aber erfreut sich einer erstaunlichen Vitalität – und dies ohne jegliche staatliche Unterstützung.

Totgesagte leben länger, sagt das Sprichwort. Und manchmal sogar noch schöner, beweist das Du. Deswegen muss es für Prange auch schmerzhaft gewesen sein, als ihn ausgerechnet der erste Klugschwätzer des Landes, Lukas Bärfuss, mit selbstgefälliger Attitüde wegen seines kaufmännischen Geschicks in der FAZ tadelte. Was aber gleichzeitig sehr viel über den Stellenwert und den Status des Du aussagt. Auf den Kürzestnenner gebracht: Ohne Prange kein Du. Nun könnte man entgegenhalten, dass der Mythos auch ohne Magazin weitergelebt hätte. Das mag stimmen. Doch Prange ist ein Macher und kein Mann des Konjunktivs. Happy Birthday, lieber Oli, zu deinem runden Geburtstag*. Die Schweizer Kulturszene ist dir – auch wenn sie es niemals sagen würde –zu grossem Dank verpflichtet. Herr Bärfuss, bitte übernehmen Sie.



* Oliver Prange wurde am 22. Februar 2024 sechzig Jahre alt.

Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

 

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Kommentare

  • Peter Frey, 18.03.2024 08:47 Uhr
    Es gibt noch „alte“ DU Ausgaben, die gesucht und gut bezahlt werden. Es gibt neue DU Ausgaben, die gekauft und von 4 Personen gelesen werden, Du war, ist und bleibt hochwertig, Dem 60ig jährigen Mister DU sei dafür dank.
  • Hannelore Hoenig, 15.03.2024 15:39 Uhr
    Schöne Laudatio.
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