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Der Journalismus braucht Sie – jetzt

Stefan Wabel

Die Meldung hat aufgerüttelt: Das Medienhaus CH Media streicht aufgrund sinkender Umsätze 150 Stellen (persoenlich.com berichtete). Zuvor gab bereits die TX Group (20 Minuten, Tages-Anzeiger und andere) bekannt, 80 Stellen abzubauen, und andere Medienunternehmen werden folgen. Das verdeutlicht die prekäre Lage der Medienbranche. Die digitale Transformation hat die wirtschaftliche Grundlage des Journalismus drastisch verändert.

Dies lässt sich am Werbemarkt eindrücklich aufzeigen: Vor 20 Jahren betrug der Umsatz aus Printwerbung der Schweizer Zeitungen über 2 Milliarden Franken jährlich. In diesem Jahr werden es noch rund 400 Millionen sein. Das Werbegeld fliesst heute in Milliardenhöhe zu den globalen Techplattformen und fehlt zur Finanzierung des Journalismus. Auch die Abonnementerträge gehen kontinuierlich zurück. Die Mediennutzung erfolgt zunehmend online, allerdings ist weniger als ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung bereit, für digitale Inhalte zu bezahlen.

In Anbetracht dieser gewaltigen Transformation und der fehlenden Erträge darf man attestieren, dass die privaten Schweizer Medien die Herausforderungen bisher gut gemeistert haben. Noch nie gab es so viele journalistische Angebote auf allen Kanälen, die Plattformen der Schweizer Verleger gehören zu den reichweitenstärksten überhaupt und die Qualität im Journalismus wurde soeben wieder als so gut wie noch nie bewertet. Doch das Dilemma sinkender Erträge und steigender Kosten spitzt sich zu. Und mündet nun im Abbau journalistischer Leistung, weil es – wenn alle anderen Massnahmen ausgeschöpft sind – nicht anders geht. Die privaten Schweizer Medien sind gezwungen, rentabel zu arbeiten. Eine andere Option gibt es nicht.

Diese Entwicklung darf uns nicht kalt lassen. Studien zeigen nämlich: In Regionen, wo Medien fehlen, nimmt die politische Partizipation ab, es werden vermehrt öffentliche Gelder verschwendet und Falschnachrichten und Desinformation nehmen zu. Ein vielfältiges, unabhängiges und robustes System, welches die Schweiz zuverlässig mit journalistischen Inhalten versorgt, ist für unsere direkte Demokratie von essenzieller Bedeutung und nützt uns allen. Deshalb braucht es jetzt ein starkes Engagement für den Journalismus.

In erster Linie sind die Medienunternehmen selbst gefordert. Die Transformation muss weiterhin konsequent vorangetrieben werden. Es braucht Innovation, Investitionen in neue Technologien und den Aufbau neuer Kompetenzen. Die Qualität im Journalismus muss weiter gestärkt werden. Die Förderung der Medienkompetenz in der Gesellschaft und ein steter Einsatz für die Medienfreiheit gehören zu den Daueraufgaben der Medienbranche.

Es braucht die Wirtschaft, welche anerkennt, dass Werbung im journalistischen Umfeld nicht nur hohe Beachtung erhält, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung des Journalismus leistet. Dazu ist auch der Erhalt der Werbefreiheit ein zwingender Faktor.

Es braucht zudem die Politik. Nach der Ablehnung einer umfassenden Medienförderung durch das Stimmvolk im vergangenen Jahr gilt es nun, zielgerichtete Alternativen zu entwickeln und umzusetzen. Drei Massnahmen sind besonders dringend: Der befristete Ausbau der indirekten Presseförderung für Lokal- und Regionalmedien soll die Zustellung der gedruckten Publikationen in den Regionen garantieren. Das Onlineangebot der SRG muss eingeschränkt werden, weil die gebührenfinanzierten Inhalte der SRG direkt mit den kostenpflichtigen Angeboten der privaten Medien konkurrieren. Und es braucht einen konsequenten Schutz der Urheberrechte in der digitalen Welt inklusive einer Vergütungspflicht, wenn die globalen Techplattformen die journalistischen Inhalte für die eigenen Geschäftsmodelle nutzen.

Und ebenso braucht es auch Sie, liebe Leserinnen und Leser. Ein Abonnement ist immer noch die beste Förderung des Journalismus. Für weniger als einen Franken pro Tag abonnieren Sie Ihre bevorzugte Tageszeitung in digitaler Form. Dafür erhalten Sie täglich viel Wissenswertes, nützliche Einordnung und die Gewissheit, dass auch in Ihrer Region ein kritischer, journalistischer Blick auf die Geschehnisse in der Politik, in der Wirtschaft und in der Gesellschaft gelegt wird.



Stefan Wabel ist Geschäftsführer des Verlegerverbands Schweizer Medien

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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Kommentare

  • Rudolf Penzinger, 24.11.2023 10:28 Uhr
    "Das Onlineangebot der SRG muss eingeschränkt werden-" Mit mittelalterlich anmutendem Zunftdenken wird Herr Waibel die serbelnde Branche auch nicht zu neuen Höhen führen. Apropos "serbeln": Der Coninx-Clan und andere Medienimperien erwirtschaften (trotz SRG!) noch immer genug in ihre privaten Taschen; wir dürfen uns daher ruhig noch etwas länger an der uabhängigen Information aus den Kanälen der SRG freuen!
  • Ueli Custer, 24.11.2023 10:06 Uhr
    Es braucht vor allem Verlage, die ihre Medien als Marken begreifen und auch rechnerisch so behandeln. Das heisst, die Erträge dieser Marken sind unabhängig von der Art der Verbreitung (Print oder online) zu betrachten.
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