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Die Sache mit der Welle

München hat ein Problem: Seit der Eisbach im Englischen Garten auf behördliche Anordnung gereinigt wurde, ist dessen berühmte Surfwelle verschwunden. Die Surfer sind weg, die aus Hamburg angereisten Experten ratlos, statt Halligali nur noch flaues Geplätscher.

SRG-Generaldirektorin Susanne Wille hat selbst Erfahrungen mit der Welle, der Ultrakurzwelle. Durch die Abstellung ihres UKW-Netzes verärgerte die SRG nicht nur ein paar Surfer, sondern hunderttausende ihrer Hörer. Diese wechselten entgegen jeder Expertenmeinung nicht auf DAB, sondern zur privaten Konkurrenz, die weiterhin auf UKW sendet. Damit widersetzte sich die Realität allen Prophezeiungen.

In der Wintersession kommt es im Ständerat am 9. Dezember zum medienpolitischen Showdown zwischen SRG und den Privaten, angeführt von Medienpionier Schawinski. Die kleine Kammer hat es in der Hand, ob das UKW-Netz – wie ursprünglich geplant – Ende 2026 ganz aufgehoben wird - oder eben nicht. Ein letzter Stimmungstest vor der «200-Franken-ist-genug»-Abstimmung im Frühjahr. Für die SRG eine unangenehme Situation: verliert sie, ist sie der Loser, wird hingegen das gesamte Netz abgeschaltet, verärgert sie erneut die UKW-Fans – und verliert vielleicht gerade deshalb die epochale und wohl sehr knappe Abstimmung.

Deswegen wäre es ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk, würde die SRG möglichst bald ihre Rückkehr auf UKW verkünden. Gemäss der Devise: Sorry, wir haben uns geirrt. So wie in München: Als Unbekannte eine Holzrampe in den Eisbach legten, baute sich die Welle wieder auf. Für Wunder braucht es nicht immer Experten.


Matthias Ackeret ist Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.

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KOMMENTARE

Stephan Werder
25.11.2025 16:28 Uhr
Ich schließe mich an: Linearer Konsum (ob Tv oder Radio) nimmt drastisch.ab. Dab wird eine Episode bleiben, Radio via Internet (zuhause mit Smarten Geräten), im Auto mit Handy und Bluetooth) genügt vollauf. Die junge Generation ist eh woanders.
Beat Sieber
25.11.2025 14:12 Uhr
Grundsätzlich muss man mal feststellen, lineares Radio hat abnehmende Hörerzahlen. Die Mediennutzung der jüngeren Leute ist eine total andere, welche mit DAB nicht abgedeckt wird. Die angeblich so innovativen DAB-Radios müssten ja, wenn ja in jedem Haushalt ein DAB-Radio steht, grosse Hörerzahlen haben, was nicht der Fall ist. Warum will man etablierte Radios, welche sich behaupten können, kaputt machen, indem man deren Verbreitung auf UKW unterbindet? Die ältere Generation will einfach den angestammten Sender hören. Die DAB-Radios sind viel zu viele, welche sich auf den DAB-Muxen gegenseitig kannibalisieren. Die SRG könnte viel Geld sparen, indem man noch für die vier Sprachregionen je ein Radioprogramm produziert und drei sprachregionale TV-Programme. Im übrigen sendet der ORF noch heute kein DAB, weil man daran nicht glaubt. Ich lasse mir nicht von der Serafe-Anstalt vorschreiben, wie ich Medien nutzen soll. Die DAB-Neulinge wollen dann wohl noch Serafe-Kohle, damit man unnötige Strukturen erhalten kann. Es gibt keinen Grund, UKW zwangsweise abzuschalten. Niemand ist gezwungen, UKW zu senden. Die Zeit von DAB wird auslaufen. USA, Indien und China setzen nicht auf DAB.
Stefan Widmer
24.11.2025 19:47 Uhr
Vielleicht verstehe ich etwas nicht richtig, aber wenn in fast allen Wohnungen ein DAB+-Radio steht, bis Ende 26 90% der Autos DAB+ empfängt, das ganze DAB+-Netz jetzt bereits voll läuft und die 90 neuen Radio-Sender ja alle innovativ sind; wo liegt dann das Problem? Dann steht eine alte Technologie dem Neuen nicht im Wege. Spotify hat sich durchgesetzt, trotzdem gibt es noch CDs und Vinyl. Also - warum sollen sich die neuen, innovativen Radios nicht durchsetzen?
Ernst Werder
24.11.2025 15:49 Uhr
Besten Dank Reto. Als DAB+-Spezialist der ersten Stunde verstehe auch ich die (politische) Welt nicht mehr. In Bern wird über die Zukunft des Radios entschieden – leider zunehmend auf Basis von Halbwahrheiten und weggelassenen Fakten. Seit 2014 wurde die Abschaltung von UKW Schritt für Schritt vorbereitet. Politik, Branche und Öffentlichkeit wurden über zehn Jahre hinweg informiert. Trotzdem heisst es jetzt plötzlich, man brauche „mehr Zeit“. Hat die Politik so wenig Vertrauen in die Bevölkerung, dass sie meint, ein Jahrzehnt Kommunikation reiche noch nicht? Bereits 2014 haben rund 75 % aller Schweizer Privatradios, zusammen mit der SRG, eine gemeinsame Erklärungunterschrieben: Zwischen 2024 und 2026 wird UKW abgeschaltet. Heute scheint diese Vereinbarung für viele Private nichts mehr zu bedeuten – nur die SRG hält Wort. Kann man sich auf solche Partner in Zukunft noch verlassen? Über die Millionen an Steuergeldern, die seit 2014 in den parallelen Betrieb von UKW und DAB+ geflossen sind, schweigt man in Bern lieber. Die Privatradios erhielten über Jahre hinweg Bundesgelder, um beide Netze zu betreiben, und gleichzeitig flossen weitere Millionen in Kommunikationskampagnen zur Abschaltung. Insgesamt wurden über 80 Millionen Frankeninvestiert – mit welchem Ziel? Das Argument, man verliere bei einer Abschaltung von UKW „viele Hörer ins Ausland“, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Wer gutes Radio macht und eine treue Hörerschaft hat, muss keine Angst vor dem Wechsel auf DAB+ haben. Sonst hat man seinen Job nicht gut genug gemacht. Fakt ist: • Heute steht in fast jedem Schweizer Haushalt mindestens ein DAB+-Radio. • 65–70 % aller Fahrzeuge auf unseren Strassen sind mit DAB+ ausgerüstet – bis 2026 werden es über 90 % sein. Viele Autobesitzer haben extra investiert, weil ihnen der Ausstieg aus UKW klar kommuniziert wurde. Dass dieses Versprechen nun plötzlich wackelt, ist nicht nur unfair, sondern politisch verantwortungslos. Und schliesslich: Zwei Sendennetze (UKW und DAB+) parallel zu betreiben, bedeutet doppelten Stromverbrauch, Ressourcenverschwendung und Kosten. Wer Klimaziele ernst nimmt, kann das nicht ignorieren. Ich hoffe, der Ständerat hat den Mut, sich für die Zukunft des Radios zu entscheiden – faktenbasiert, ökologisch und mit Weitblick – und sich nicht von halben Wahrheiten beirren lässt.
Reto Wettstein
23.11.2025 22:29 Uhr
Die grossen Privatsender argumentieren derzeit lautstark, bei einer UKW-Abschaltung müssten sie Stellen abbauen. Dieses Narrativ überdeckt aber die andere Seite der Realität: Auf der anderen Seite stehen rund 90 neue, innovative KMU-Radios, die voll auf die Digitalisierung gesetzt haben – und zwar, weil Bund und die gesamte Branche dies 2014 und nochmals 2020 gemeinsam beschlossen haben. Für diese neuen Anbieter war die Digitalisierung nicht eine Option, sondern die verbindliche Grundlage, auf der sie investiert, Personal angestellt und ihr Geschäftsmodell aufgebaut haben. Eine erneute UKW-Verlängerung würde ihnen nicht nur schaden – sie wäre für viele existenzbedrohend. Während die grossen Häuser ihre Verluste auffangen können, stünden die kleinen KMU ohne faire Wettbewerbsbedingungen mit dem Rücken zur Wand. Darum ist es falsch zu glauben, man könne mit einer UKW-Verlängerung der SRG einen Denkzettel verpassen. Die SRG erholt sich – sie hat starke Marken und starke digitale Angebote. Den wirklichen Denkzettel würden jene erhalten, die am mutigsten waren: die 90 unabhängigen KMU-Radios, welche den Digitalisierungspfad der Schweiz mitgetragen und vorbildlich umgesetzt haben. Für diese neuen Anbieter geht es nicht um Symbolpolitik – es geht um ihre Existenz.