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Halbierungsinitiative: SRG unter Druck – und wer macht Kasse?

In wenigen Tagen entscheiden die Stimmbürger der Schweiz, ob sich wichtige Bedingungen im alltäglichen Leben verändern sollen. Wird die SRG für das Fernsehen künftig weniger Geld erhalten? Wollen wir mehr Geld in die Bekämpfung des Klimawandels stecken? Soll die Verwendung von Bargeld gesetzlich verankert werden? Und schliesslich geht es um den Entscheid, ob Ehepaare künftig getrennt und unterschiedlich besteuert werden. Wichtige Entscheidungen – aber offensichtlich nicht für alle!

Viele Schweizer und Schweizerinnen werden der Weichenstellung in der Abstimmung vom 8. März wohl fernbleiben. Der langfristige Durchschnitt der Stimmbeteiligung bei eidgenössischen Abstimmungen liegt nämlich knapp unter der Hälfte, bei 45 bis 48 Prozent. Nur bei wenigen, stark umstrittenen Themen bewegen sich mehr Stimmberechtigte an die Urnen. So schaffte es die Änderung des Covid-19-Gesetzes im November 2021 auf den Höchstwert von 65 Prozent. Bei kantonalen Abstimmungen sinkt das Interesse erfahrungsgemäss oft in die Nähe von 30 Prozent. Dann bestimmt ein Drittel über die Zukunft der schweigenden Mehrheit.

Für den 8. März prophezeit Politikwissenschaftler und ehemalige SP-Nationalrat Andreas Gross (73) mit seinem «Atelier pour la democratie directe» ein Ausnahmeresultat: «Der Streit um die Fernsehgebühren ist ein Zugpferd. Ich weiss nicht, wie es ausgeht, aber ich sage eine Stimmbeteiligung weit über 50 Prozent voraus.» Nur im Kanton Schaffhausen gehen regelmässig mehr Stimmberechtigte an die Urne als im Rest der Schweiz. Bis 65 besteht dort ein gesetzlicher Stimmzwang: Wer bei kantonalen Abstimmungen einen Urnengang verpennt, bezahlt eine Busse von sechs Franken.

Wer legt denn überhaupt seine Stimmzettel per Brief oder Urne ein? Frauen brauchten eine Eingewöhnungszeit: Seit Einführung des Frauenstimmrechtes 1971 lag die Beteiligung der Frauen lange mit 40 bis 50 Prozent deutlich unter jener der Männer. In jüngeren Generationen verändert sich der Abstand ständig: In einigen Städten wählen inzwischen unter 30-jährige Frauen sogar häufiger als junge Männer. Im Alter wird der Unterschied wieder grösser. Schweizerinnen über 65 gehen 20 Prozent seltener an die Urne als gleichaltrige Männer. Abstimmungsanalysen zeigen, dass Frauen im Durchschnitt etwas linker und progressiver abstimmen als Männer.

Bei den vier eidgenössischen Vorlagen wird die intensivste Diskussion in den Medien und in der Öffentlichkeit über die Halbierungsinitiative zur SRG geführt. Wer garantiert uns allen künftig zu welchem Preis für die Versorgung mit Informationen und Unterhaltung?

Was Sie über die Teilnehmer und Bedingungen auf dem Medienplatz Schweiz wissen sollten:
Die Sendelizenz des Bundesrates für die SRG verknüpft den Anspruch auf Radio- und Fernsehgebühren mit einem Leistungsauftrag. Private Anbieter mit Ausnahme einiger weniger Lokalsender, die beschränkte Subventionen erhalten, müssen sich durch Werbung und Sponsoring finanzieren.

Bei einer Kürzung der Betriebsmittel auf 200 Franken pro Jahr für die Fernseh- und Radioabgabe gilt es zu bedenken, dass der Konzessionsauftrag die SRG unter anderem verpflichtet, die Versorgung von sprachlichen und kulturellen Minderheiten mit Programmen zu versorgen. Beispiel: Das «Wort zum Sonntag» am Samstag, 7. Februar, zur besten Sendezeit im Hauptprogramm. Nur dank der direkten Platzierung zum Tageshoch «Tagesschau» und «Wetterprognose» verfolgten gemäss Mediapulse 241'000 Zuschauer die frommen Worte. Allerdings sind darunter lediglich etwa 40'000 Teilnehmer unter 65 Jahren alt. Dergleichen Sendungen bieten privaten Anbietern zu wenig Werbeerträge. Sie sind zwangsläufig an Produktionen interessiert, die rentieren.

Was typisch ist für das Schweizer Fernsehen: Die klassischen, traditionellen Inhalte von der «Landfrauenküche» bis zum «Literaturclub» erreichen am meisten Einschaltungen bei über 65-Jährigen. Von 49'000 Leserratten beim «Literaturclub» zu später Stunde waren total lediglich 15'000 unter 65. Absolute Durchbrüche erzielen nur Grossereignisse: Die Ski-Abfahrt am Lauberhorn mit Marco Odermatt am 17. Januar zog 1,1 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme. Die Statistik zeigt, dass 83 Prozent aller über 15-Jährigen wenigstens noch einmal in der Woche Dienstleistungen der SRG konsumieren. Tendenz: Je jünger, desto weniger SRG, laufend ersetzt durch Netflix, TikTok, YouTube und Angebote deutscher Privatsender. Insgesamt lag der Marktanteil der SRG-Fernsehprogramme in der Deutschschweiz im ersten Halbjahr 2025 bei 30 Prozent, die SRG-Radios blieben schweizweit Marktführer vor den Privaten mit 53 Prozent. Private regionale TV-Programme erreichten zusammen knapp 10 Prozent.

Auf den ersten Blick am plausibelsten ist folgendes Argument zum Sparvorschlag der Kostenhalbierer: Die privaten TV-Anbieter in der Schweiz könnten vor allem Sport- und Unterhaltungsformate günstiger anbieten. Die Tatsachen sprechen allerdings dagegen: Nur zwei Medienunternehmen in der Schweiz sind heute in der Lage, mit Fernsehen die Grundlage einerseits für Werbeerlöse und anderseits für Versorgungssicherheit zu bieten: Wesentlich sind Produktionskapazitäten und Zuschauer-Reichweite für genügend Werbeerlöse.

Der lückenlosen technischen Verbreitung in allen vier Landesteilen durch die SRG kann nur das Aargauer Familienunternehmen von Peter Wanner mit CH Media die Stirne bieten: Mit einem Dutzend Radioprogrammen, acht lokalen und nationalen TV-Sendern, 18 Regionalzeitungen, dem Newsportal Watson, mehreren Druckereien und verschiedenen Internetangeboten wie dem Oneplus-Stream.

Werbeerlöse und Zuschauerzahlen hängen beim Fernsehen direkt zusammen: Mehr Zuschauer bringen höhere Werbetarife. Würde die SRG attraktive Unterhaltungs- und Sportformate an private Anbieter abgeben müssen, würde sie neben tieferen Gebühren noch die besten Werbeeinnahmen verlieren. Liveübertragungen des Spitzensports muss ein privater Anbieter aus Kostengründen wohl weiterhin der subventionierten SRG überlassen. Aufwendige Anlässe wie alpine Skirennen, Tour de Suisse, WM- und Olympiaübertragungen, Formel-1-Zirkus, Champions-League-Turniere sind in internationale Verträge eingebunden. Für den grossen Privaten aus dem Aargau sind sie wohl eine Nummer zu gross. Einzig die TV-Rechte der Spiele der Eishockey National League konnte sich CH Media sichern. Die Preise für die TV-Rechte der begehrten Sportarten steigen weltweit von Jahr zu Jahr. Fussball-Liebhaber sind in der Schweiz längst auf die Streams des abonnierten Bezahlfernsehens angewiesen.

Das Medienunternehmen TX Group mit dem Tages-Anzeiger hat einen eigenen Weg gefunden, mit TV gutes Geld zu verdienen. Über das Tochterunternehmen Goldbach Group vermarktet sie sämtliche Schweizer Werbeinseln in allen deutschen Privatsendern – und das nicht zu knapp. So fliessen jedes Jahr Millionen von Franken aus Schweizer Werbebudgets über die Grenze, mit Vermittlungsprozenten an Goldbach. Beispiel: In einer einzigen Folge vom RTL-Quiz «Wer wird Millionär?» mit Deutschlands Lieblingsmoderator Günther Jauch am Montagabend wird die Sendung von mehreren Schweizer Werbeinseln mit gezählten 115 Werbespots (!) unterbrochen, alle in Schweizerdeutsch, von Schweizer Unternehmen, mit Profit für die Zürcher Werdstrasse. Nicht zuletzt im Gegenzug zu dieser Konkurrenz von Tamedia für das geballte Angebot der TV-Werbung in den Schweizer Werbeinseln der deutschen Privatsender hat die SRG den exklusiven Vertrag zur Vermarktung der eigenen TV-Werbung mit dem Schweizer Werbevermarkter Admeira letztes Jahr um weitere drei Jahre verlängert. Admeira ist eine 100-Prozent-Tochter des Verlagshauses Ringier.

Und der Rest der Schweizer TV-Szene? Ringier ergänzt bei Blick die Internet-Berichterstattung erfolgreich mit einzelnen Videobeiträgen und ist bei wichtigen Ereignissen mit Liveberichten vor Ort: «Blick ist dabei». Ringier, NZZ und Tages-Anzeiger sind auch immer noch Aktionäre des Verlegerfernsehens «Presse-TV», das der SRG einzelne wenige Sendungen zuliefern kann. Der Zusammenarbeitsvertrag wurde 2025 um zwei Jahre verlängert.

Was bleibt als Fazit für den Tag der Abrechnung am 8. März?

  • Jüngere Stimmberechtigte, generell News-Verweigerer und eher verführt vom grossen Angebot privater Alternativen, werden den Urnen eher fernbleiben und den Stimmenanteil nach unten drücken.

  • Ältere Stimmberechtigte werden sich eher für ihre bevorzugten SRG-Programme engagieren und im Zweifelsfall eher nein stimmen gehen.

  • Sportbegeisterte werden tendenziell eher auf die SRG setzen und hoffen, dass die Sportredaktion im Leutschenbach erfolgreich dafür kämpft, mehr Spitzenbegegnungen im free TV ohne zusätzliche Bezahlung zeigen zu können.

  • Frauen könnten mit ihrer Zu- oder Abneigung zur SRG das Zünglein an der Waage spielen.

  • Vorsichtige Prognose: Ein knappes Nein!


Hans Jürg (Fibo) Deutsch arbeitete seit 1960 für Ringier und hatte die verschiedensten Funktionen inne, unter anderem Chefredaktor der Schweizer Illustrierten.

Unsere Kolumnistinnen und Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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