Seit über drei Wochen haben wir eine Agenturkatze (persoenlich.com berichtete). Sie heisst «Claire» und besitzt eine Superkraft: Mit KI bewertet sie Ideen jeder Art.
«Claire» wurde selbst aus einer Idee geboren. In einer internen Challenge hat unser Team beschlossen, ein KI-Tool für Kreativität zu entwickeln. Auch ich gab der Idee meine Stimme, wenn auch skeptisch. Gibt es nicht genug Frameworks und Werkzeuge für Kreativprozesse? Und bleibt die Entstehung guter Ideen nicht immer ein Mysterium?
Zum Glück liess sich das Projektteam, das die Idee in die Hand nahm, von einem grummeligen Garfield wie mir nicht beirren. Nach der gleichen Methodik, mit der wir Produkte für Kunden entwickeln, entstand eine KI-Katze, die als Jury fungiert: Wer erfahren will, ob eine Idee ein Bestseller oder Bullshit ist, kann «Claire» unter cat-the-bullshit.com konsultieren.
Das haben innert kürzester Zeit schon etliche Menschen getan, und die Feedbacks sind äusserst erfreulich. Auch ich nutze «Claire» regelmässig. Dabei habe ich diese Erkenntnisse über Kreativität gewonnen:
1. KI-Katzen sind auch nur Menschen.
Natürlich sind die Urteile von «Claire» nicht über alle Zweifel erhaben. Manchmal ärgere ich mich, dass eine echt gute Idee einen viel zu tiefen Score erzielt, dann wiederum staune ich, wenn ein eher banaler Einfall bei «Claire» hoch punktet. Aber darum geht es nicht: Der wahre Wert der KI liegt in der kritischen Reflexion der Idee, nicht in deren Bewertung.
2. Starke Ideen sind Siebesieche.
«Claire» beurteilt Ideen nach sieben «Categories»: Curiosity, Cleverness, Catchiness, Creativity, Courage, Cash und Continuity. Das zwingt mich, meine Ideen besser zu durchdenken und klarer zu formulieren. «Claires» Kriterienkatalog kann ich zudem auch in Kreativprozessen ohne KI-Support nutzen, um die Stringenz von Präsentationen zu erhöhen.
3. Betatiere schlagen Alphatiere.
Vermutlich wird «Claire» immer in der Betaphase bleiben, und das ist gut so. Im KI-Zeitalter sind Experimente wichtiger als Perfektionismus, Prototypen wertvoller als Serienreife. Mehr denn je ist Kreativität auch eine Frage des Timings: Der wirksamste Schutz vor Copycats ist es, ihnen immer eine Pfotenlänge voraus zu sein.
Vor allem aber lehrt mich der Dialog mit «Claire», dass auch die beste KI-Katze nur so gut ist wie die Ideen, mit denen sie von Menschenhand gefüttert wird.
Marco Casile ist Markenstratege und Mitinhaber bei Festland.
Unsere Autorinnen und Autoren vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.



BLOG
Was mich unsere KI-Katze über Kreativität gelehrt hat