Ich blicke auf den ältesten bisher entdeckten Tempel der Menschheit. Und wie es manchmal so ist, habe ich Gedanken, die dem Anlass nicht unbedingt würdig sind: Ob ich ausreichend Lasagne für die Dauer meiner Abwesenheit vorbereitet habe, die Mahnung für die Tenniskurs-Rechnung der Kinder noch ein paar Tage liegen bleiben könnte, die Zahnseide es ins Handgepäck geschafft hätte und wer wohl alles nicht am Mindful-Walk zu Beginn der Creative Days des ADC teilnähme.
Glücklicherweise kann ich mich bei 37 Grad im Schatten und angesichts der 20 Tonnen schweren, 12'600 Jahre alten und trotz allem aufrecht stehenden amorph-menschlichen Figuren, die erst 1994 im Süden Anatoliens entdeckt wurden, schnell wieder konzentrieren. Zwar nur auf die Frage, ob der ehemalige Hamburger Bürgermeister für seinen Auftritt an den Creative Days ein in etwa ähnliches Honorar erhalten wird wie die international gefragte, in Zürich ansässige Illustratorin, die im Programm aufgeführt ist – aber irgendjemand muss so eine Frage ja ab und zu mal stellen.
«I hope so», denke ich, fast auf Türkisch, und nippe an einem dieser schwarzen Tees, von denen man 17 Stück erwerben könnte für den Preis eines mittleren ViCafe-Flat-Whites. Aber das kann man nicht vergleichen. Oder doch?
Vielleicht reist OVB ja ehrenamtlich an – wenn man mal ein paar Jahre den grössten Bilanz-Betrüger in der deutschen Nachkriegsgeschichte beraten hat, beschleicht einen womöglich das Gefühl, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen. Ich google sicherheitshalber, ob er einen Schweizer Creative-Director-Namensvetter hat und ich alles verwechselt habe. Sieht aber nicht danach aus. Die Google-KI zeigt auf, dass OVB ab und zu als Redner an «hochkarätigen Anlässen» teilnähme, wie dem Kreativfestival des ADC Schweiz oder Veranstaltungen der Denkfabrik Avenir Suisse. Das ist problematisch, weil der hochkarätige Anlass des ADC noch gar nicht stattgefunden hat und ich gehofft hatte, dass uns eine Zukunft à la «Minority Report» – trotz unseres allgemein fahrlässigen Umgangs mit Künstlicher Intelligenz – zunächst noch erspart bliebe.
Auch wenn in diesem Fall kein Pay-Gap in gefühlter Höhe des Altersunterschiedes zwischen mir und Sokrates bestünde, sei an dieser Stelle allen der zu 100% aus Klischees bestehende Netflix-Film «Ladies First» ans Herz gelegt. Autsch. Auch 2026 kaum ein Happy End in Sicht.
Im Gegenteil: Es ist insgesamt stiller geworden um Gleichberechtigungsfragen und damit in Verbindung stehenden DEI-Programme. Gut, dass man es damals DEI getauft hatte – Diversity, Equity und Inclusion – und nicht etwa Diversity, Inclusion und Equity … das hätte schon von vornherein die Stimmung verdorben.
Die Tempelanlage wurde absichtlich verschüttet zurückgelassen, auf dass sie über Jahrtausende unentdeckt bliebe. Man geht davon aus, dass der Mensch sich irgendwann weiterentwickelt hatte, doch jenen Ort ritueller Zusammenkunft als Erinnerung für die Nachwelt bewahren wollte. Das lasse ich jetzt mal so stehen und fahre zum Basar, um die unter Feinschmeckern beliebten heimischen Chiliflocken zu ergattern. Der Basar fühlt sich an, wie er sich auch vor Jahrtausenden angefühlt haben muss – minus die Handyhüllenverkäufer und die überraschende Tatsache, dass man sogar den frisch abgehackten Schafskopf per Wallet bezahlen kann.
Da drängt sich wie so oft die Frage auf, was fortschrittlich und was überflüssig ist … Auch raus aus dem Bazaar und mitten in einer Social-Media-Kampagne. Dass uns dort vermehrt KI-generierte porenlose Size-Zero-Klone Produkte zu verkaufen suchen, die zudem weder nachhaltig noch fair im globalen Süden produziert werden, erscheint mir dabei nicht nur überflüssig, sondern gefährlich. Aber wie erkläre ich Kunden, dass es schon die falsche Message sei, in jedem Briefing mindestens einen künstlich erzeugten Kampagnenvorschlag einzufordern, ohne sich zunächst mit den Basics auseinanderzusetzen – zum Beispiel einer sinnvollen Idee?
Meine exponentiell dahinsiechenden Gehirnzellen, die unterstützt von diversen Agenten schon bald das Denken verlernt haben werden, finden darauf keine befriedigende Antwort und bestellen mir zum Trost erstmal den nächsten Tee.
Inken Rohweder von Trotha arbeitet als freie Kreative und im Duo mit Christina Wellenhofer bei wervt.com.
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Zwischenruf: Wir müssten langsam wissen, dass wir nichts wissen